Der Gesang der Flusskrebse, Delia Owens

Eine Heldin, die man nie mehr vergisst, eine ungewöhnliche Landschaft, die einen mit ihrer ungeheuren Vielfalt von Lebensformen tief beeindruckt – und ein Kriminalfall, der sich gemächlich entwickelt und dennoch extrem spannend ist. Ein ganz besonderes Buch, ein wunderschönes Leseerlebnis!

Die sechsjährige Kya, die mit ihren Eltern und Geschwistern in einer einfachen Wellblechhütte im Marschland von North Carolina wohnt, wird von ihrer Mutter verlassen – eine erste schlimme Erfahrung in einer Reihe von vielen. Auch die restlichen Familienmitglieder suchen das Weite und Kya ist fortan auf sich selbst  gestellt, lebt völlig isoliert, als „Marschmädchen“ argwöhnisch beäugt von den Bewohnern des nächsten Küstenstädtchens. Als sie älter wird, treten zwei Männer in ihr Leben. 

Ich bin normalerweise kein Freund von langen Landschaftsbeschreibungen (hat mich schon bei Karl May genervt 😉 ) und das Buch hatte mich zunächst überhaupt nicht gereizt; aber diese Marschlandschaft ist so wunderschön beschrieben, dass sie mehr und mehr bezaubert mit all ihren pflanzlichen und tierischen Lebewesen, die von der Heldin geliebt, geachtet, gepflegt und später sogar dokumentiert werden.

Man merkt, dass die Autorin Wissenschaftlerin ist, immer wieder flicht sie Erläuterungen zu Naturphänomenen ein. Das ist eigentlich ein No Go – dass die Autorin mit ihrer eigenen Stimme zum Leser spricht. Auch gibt es plötzliche Perspektivwechsel, nicht ganz passende Adverbien, eine Anhäufung von Adjektiven – lauter „Fehler“, die ein Autor vermeiden sollte … (die mir wahrscheinlich aufgefallen sind, weil ich mich gerade intensiv mit Schreibtechniken befasst habe 😉 ). 

Aber was bedeuten schon Regeln, wenn das große Ganze stimmt … Die Geschichte ist unglaublich gut konstruiert, ohne jemals konstruiert zu wirken. So gibt es einen tollen Plot, eine wunderbare Heldin, eine ungewöhnliche, beeindruckende Szenerie und Detailbeobachtungen, die berühren und nachwirken und für eine wunderschöne, ergreifende Stimmung sorgen. Dies ist eines von den Büchern, bei denen man tieftraurig ist, dass sie zu Ende sind – und nach denen man sich erstmal kein anderes Buch vorstellen kann, dass einen so mit-nimmt – in jeder Bedeutung des Wortes.

Becoming, Michelle Obama

Was versteht Michelle Obama unter „Becoming“? Was für eine First Lady ist sie gewesen? Mit welchen Zielen? Wie war das Leben für die First Family in den acht Jahren in den Heiligen Hallen des Weißen Hauses? Lohnt es sich diese hoch gelobte Biografie zu lesen, die auf allen Bestseller-Listen steht? Ganz am Anfang fand ich es ein wenig zäh. Aber natürlich ist ihre Kindheit Teil ihrer (bemerkenswerten) Geschichte, kann also nicht ausgelassen werden. Und zunehmend fesselte mich ihr Weg als schwarzes Mädchen in einer Welt der Weißen. Als dann der flapsige Jurastudent Barack Obama in ihrem Leben auftaucht, wird es natürlich richtig spannend (und fast zu schön, um wahr zu sein). Am Ende wiederholt es sich dann etwas, man hat da längst begriffen, worauf es ihr in ihrer Zeit als First Lady ankommt bzw. in ihrem Leben insgesamt:

Bildung ist in Michelle Obamas Leben die treibende Kraft für Veränderung und Entwicklung, und sie ist davon beseelt, diese Botschaft an junge Frauen weiterzugeben und möglichst vielen jungen Menschen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Und vor allen den jungen (schwarzen) Frauen zu mehr Selbstwertgefühl zu verhelfen und ihnen die Botschaft zu vermitteln, Du bist wichtig! Talente aufspüren und fördern, das sieht sie als ihre Aufgabe schon als junge Frau und um so intensiver als First Lady.

Aber es bedeutet auch eine ungeheuer große Herausforderung für sie, die steil ansteigende Karriere ihres Mannes mit ihrem Berufsleben und später dann dem Familienleben unter einen Hut zu bringen: „Meine Ziele drehten sich im Wesentlichen darum, Normalität und Stabilität zu wahren, Barack hingegen ging es da anders. Wir waren wie Ying und Yang. Ich sehnte mich nach Ordnung und Routine, er nicht. Er konnte im offenen Meer leben, er brauchte das Boot.“ Da es zunehmend zu Konflikten kommt, schleppt sie ihn zur Eheberatung …  Mit Erfolg, sie erkennt, dass sie selber etwas ändern muss, um nicht unterzugehen.

Immer wieder ist sie großen Anfeindungen ausgesetzt, macht Fehler, als sie Barack im Wahlkampf unterstützt, tritt in Fettnäpfchen und verzweifelt manchmal am Hass, der ihr entgegenschlägt. Stets spürt man auch ihr Staunen darüber, wie weit sie gekommen ist im Leben. Und wie ungewöhnlich diese Familie im Weißen Haus gewesen ist. Die Obamas verlassen es voller Sorgen und mit vielen Ängsten. Das amerikanische Wahlsystem hat Trump zu ihrem Nachfolger gemacht … Obwohl natürlich Barrack Obamas Amtszeit Thema ist, geht es in diesem Buch letztlich darum, wie Michelle ihre Rolle als Frau (als „schwarze, große Frau mit breiten Hüften“) und als First Lady definiert.

Alte Sorten, Ewald Arenz

Was für ein wunderschönes Buch! Allein die Ausstattung! Das Foto gibt das nur unzureichend wieder: Mattes, weißes Leinen mit einem eierschalenfarbenen Spiegel, darauf eine geprägte, lackierte Zeichnung von einem kleinen Ast mit zwei Birnen. Mit orangefarbenem Vorsatzpapier – passend zum Orange der Birnen. Natürlich mit Lesebändchen. Und es ist nicht nur eine Freude, dieses Büchlein in die Hand zu nehmen, sondern auch es zu lesen, sich hineinfallen zu lassen. Es entschleunigt. Es lenkt den Blick auf das Wesentliche. Es zeigt, was Freundschaft bedeutet.

Die siebzehnjährige, magersüchtige Sally begegnet auf der Flucht aus der Klinik der fünfundvierzigjährigen Liss und kriecht bei ihr auf dem Hof unter. Liss lässt sie in Ruhe, nimmt sie so, wie sie ist. Das ist neu für Sally und das gefällt ihr zunehmend, ebenso wie die körperliche Arbeit auf den Feldern und im Garten. Die beiden Frauen verstehen sich ohne Worte. Es ist ein wunderbarer Umgang miteinander, der sehr feinfühlig beschrieben wird. Aber Sally ist abgehauen und es ist klar, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Und dann gibt es da noch einige Rätsel um Liss …

Mit meisterhaft bildhafter Sprache wird das ruhig und gemächlich erzählt. Man ist auf den Feldern dabei und man schmeckt und riecht förmlich den Saft der Birnen, ist bei der anstrengenden Arbeit der Weinlese mittendrin. Alles geschieht mit großer Selbstverständlichkeit, es ist ein zurück zur Natur, zu Wurzeln, zu Wesentlichem und zu Wahrhaftigkeit. Ein Lesegenuß mit Tiefgang.

Gérard Salem, Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst

Ein Buch der etwas anderen Art – es sind ausschließlich Briefe – aber als Briefroman würde ich es trotzdem nicht bezeichnen. Aber es ist eine Hommage ans Briefeschreiben. Erzählt wird die Geschichte einer Familie. Einer „ganz normalen“ Familie, mit großen Schwierigkeiten, nicht offen geäußerter Liebe, Vorwürfen, Kränkungen, Missverständnissen. Aber auch mit viel Zusammenhalt und Wärme. So steht in einem Brief: „Meine Familie hat mir beigestanden in dem Tal der Tränen (…), Familie ist eine Art Reservetruppe, die einem immer zur Verfügung steht.“

Boris, der Älteste von vier Geschwistern, der sich vor Jahren von seiner Familie losgesagt hat und aktuell große Probleme mit seinem Leben hat, erhält von seinem Therapeuten den Rat, wieder Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen. Aber ausschließlich per handgeschriebenem Brief. Boris, der nichts mehr zu verlieren hat, vertraut seinem Therapeuten und schreibt tatsächlich an seine Eltern. Sie antworten per Brief. Die Geschwister werden miteinbezogen und schreiben ebenfalls untereinander. Boris’ Brief löst eine Briefflut innerhalb der weitverzweigten Familie aus. Und die Dinge geraten in Bewegung.

Im Anhang ist eine Ahnentafel dargestellt – ich habe die leider zu spät entdeckt und mich mit den vielen Namen etwas schwer getan. Das Buch hat mir sehr gut gefallen, zum einen, weil ich handgeschriebene Briefe sehr schätze und mir deren Kraft einleuchtet. Zum andern finde ich es auch sehr interessant, die verschiedenen Facetten des Familienlebens durch verschiedene Absender kennenzulernen – und damit die Perspektiven der alten, mittelalten und jungen Mitglieder der Familie.

Christina Baker Kline, Der Zug der Waisen

New York, 1929: Zusammen mit vielen anderen Waisen wird die neunjährige Vivian, die gerade ihre komplette Familie verloren hat, in den Zug gesetzt und in den Mittleren Westen der USA geschickt. Dort warten Pflege-Familien auf die Kinder, die sie aufnehmen wollen – allerdings erst nach genauester und meist erniedrigender Prüfung, ob die Kinder tauglich sind für die ihnen zugedachten Knochen-Arbeiten … im Haushalt, auf dem Feld, in der Fabrik.

So landen die meisten Kinder in einer Art vertraglich geregelter Sklaverei. Nur wenige werden herzlich willkommen geheißen und erhalten die ersehnte Fürsorge. Zwischen 1854 und 1929 brachten in den USA die so genannten „Orphan Trains“ (Waisenzüge) mehr als zweihunderttausend verwaiste, verlassene und teils verwahrloste Kinder in den Mittleren Westen, wo die meisten von ihnen traumatische Erfahrungen erwarteten.

Das Buch erzählt die Geschichte der 91-jährigen Vivian in Rückblenden und verknüpft sie mit der Geschichte der 17-jährigen Molly im Jetzt. Molly ist ein aufmüpfiges Mädchen, das ebenfalls von Pflegefamilie zu Pflegefamilie geschoben wird. Das ist spannend, berührend, wunderbar konstruiert und soweit ich das beurteilen kann, super gut recherchiert. Das Schicksal der kleinen „Zugfahrer“ geht unglaublich ans Herz, ihre Wurzellosigkeit und die erlittenen Demütigungen lassen einen nicht mehr los. Zum Glück gibt es auch Lichtblicke in der Geschichte: Menschlichkeit, Wärme, Vertrauen und Freundschaft.

Beleuchtet wird ein „wenig bekannter, aber historisch bedeutsamer Teil der Geschichte der USA“, heißt es im Anhang, der ein paar Erklärungen und Fotos liefert. 

Iris Berben, Ein Jahr – ein Leben

Ich bin kein Fan von Iris Berben, aber diese Autobiografie hat mich positiv überrascht. Lebensklug und differenziert, aber auch mit Witz und einer Prise Selbstironie beantwortet die Berben die Fragen von Christoph Amend, Chefredakter des ZEITmagazins. Obwohl ihr Privatleben weitestgehend außen vor bleibt, erfährt man viel Persönliches über sie. Über ihre Werte und Haltungen, ihr Temperament, ihren Kontrollwunsch, ihr Getriebensein, ihre Eitelkeiten und ihre Ängste. Über ihr Leben als öffentliche Person, ihr Verhältnis zu Prominenten. 

Berben ist eine Schauspielerin mit vielfältigem Rollenprofil – man denke an Sketchup, Rosa Roth und die großen Frauenpersönlichkeiten, die sie gespielt hat – Konsulin Buddenbrook, Bertha Krupp, die Patriarchin. Aber auch für Verfilmungen von Rosamunde Pilcher war sie sich nicht zu schade. Sie ist seit vielen Jahren politisch aktiv, engagiert sich gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus, hat diverse öffentliche Ämter inne. 

Es gibt viele interessante Fragen, auf die sie konzentriert antwortet, in seltenen Fällen auch mal ausweichend .„Lohnt sich das Leben?“ „Wie oft sind Sie glücklich mit sich selbst?“ „Wo wollen Sie hin?“ Als sie auf ihr turbulentes Leben mit den unzähligen Projekten angesprochen wird, antwortet sie mit einem Bild, das mir sehr gefallen hat: „Ich weiß, dass ich darauf achten sollte, mehr auszuatmen. Ich atme viel ein, aber zu wenig aus.“ An einer Stelle sagt sie: „Da ist mir wieder einmal klargeworden wie wuchtig dieses Leben ist“ –wuchtig, ein tolles Wort für das Leben.

Wer gerne Biografien liest und diese Art – Fragen und Antworten – mag, für den ist das Buch empfehlenswert.

Daniela Krien, Die Liebe im Ernstfall

Ein Buch über fünf Frauen, überwiegend für Frauen? Männer kommen in diesem Buch schlecht weg. Sie sind verbissene Weltverbesserer, Wankelmütige, Weicheier und Fremdgeher – Ausnahmen bestätigen die Regel. Jede der fünf Frauen sehnt sich nach einer intakten Beziehung, doch alle kämpfen mit den Widrigkeiten der Liebe, mit Verletzungen, Verlusten und Brüchen, jede auf ihre ganz eigene Art und Weise. Es ist ein Kreislauf des Scheiterns, denn die Frauen stehen alle in einer Beziehung zueinander und was die eine gerade schmerzlich durchmacht, hat sie der anderen vielleicht selber zugefügt. Das ist perfekt analysiert und mit guter Beobachtungsgabe sprachgewandt auf den Punkt gebracht. Teilweise bissig, teilweise mit liebevoller Anteilnahme, immer sehr genau. Kriens Devise: „Man muss die Liebe vom Ernstfall aus betrachten.“ Ihr Interesse gilt also dem, was passiert, wenn das Leben grausam zuschlägt. Ihre Sichtweise ist kritisch: „Alle Erwachsenen richten je nach Grad ihrer Beschädigung mehr oder weniger Unheil in dieser Welt an.“

In jeder Frau findet man ein Stück von sich, findet man Gedankengänge, die einem vertraut sind. Allerdings auch vieles, was mir persönlich eher fremd ist. Was es aber interessant macht: Jede Lebensgeschichte wird von mehreren Seiten beleuchtet. Alle fünf Frauen sind miteinander verbunden und ihre Geschichten werden nacheinander erzählt, aber jeweils aus der Perspektive einer anderen. Und so etwas wie Frauensolidarität gibt es auch und damit einen optimistischen Ausblick – im Dankeswort schreibt die Autorin, dass ihre Tochter ein Faible für Happyends hat und dass sich das niedergeschlagen hat. Für dieses halbwegs positive Ende bin ich dankbar. Trotz aller Aufgeschlossenheit, die vom Leben geschlagenen Wunden nicht zu leugnen, sondern sehr wohl genau hinzugucken – zu düster wäre mir sonst die Grundstimmung gewesen. 

Die einzige Geschichte, Julian Barnes

Ein besonderes Buch. Nicht leicht verdaulich, tiefgründig, kunstvoll. Der 19-jährige Protagonist Paul lernt beim Tennis-Doppel Susan kennen. Sie ist verheiratet, Mutter von zwei Töchtern und sie ist Ende Vierzig. Eine Mesalliance für seine Umwelt. Für Paul eine wunderbare, logische und zwingende Liebe. Die sich im ersten Teil des Buches für das Liebespaar erfreulich entwickelt, im zweiten Teil eine dramatische Wendung nimmt und im dritten Teil fast ausschließlich aus Pauls Reflexionen über sein Leben und diese eine Liebe besteht. Es ist keine klassische Geschichte über die Liebe eines sehr jungen Mannes zu einer sehr reifen Frau.

Immer wieder wird der Erzählfluss durch philosophische Betrachtungen des Autors unterbrochen. Es geht viel um die Frage, wie sehr beeinflusst das, wohin wir gehen, das, woher wir kommen. Und um das Thema Schuld. Und natürlich geht es vor allem um die Liebe. Im Verlaufe der Geschichte wechselt Barnes die Erzählperspektive – im ersten Teil erzählt Paul in der Ich-Form, dann geht er zum Du über, und im dritten Teil berichtet er in der dritten Person Singular. Um seine wachsende Selbstentfremdung zu verdeutlichen? Seine Distanz zum Erlebten? Das ist etwas irritierend, aber es passt sehr wohl ins Gesamtkonzept. 

Susan bleibt leider etwas blass als Person. Da hätte ich gerne mehr erfahren – warum verliebt sie sich in Paul, was bedeutet er ihr, wie problematisch ist diese Liebe für sie, ist das, was dann mit ihr geschieht, der Preis für diese Liebe? Man könnte diese Geschichte mit Fug und Recht als deprimierend bezeichnen. Zum Glück lässt der Autor aber auch immer wieder britischen Humor mit einfließen. Und ich habe festgestellt, das Erzählte geht mir längst nicht so nah wie die Geschichte der St. Louis im vorigen Beitrag … 

Das Erbe der Rosenthals, Armando Lucas Correa

„Ich war knapp zwölf, als ich mir vornahm, meine Eltern umzubringen.“ So fulminant beginnt die Geschichte der zwölfjährigen Hannah, die im Jahr 1939 spielt. Ihre jüdische Familie schifft sich auf der Flucht vor den Nazis auf dem berühmt-berüchtigten Ozeandampfer St. Louis ein. Kurz darauf wird die zwölfjährige Anna dem Leser nicht weniger dramatisch vorgestellt: „An dem Tag, an dem mein Vater für immer verschwand, war meine Mutter mit mir schwanger.“ Anna begibt sich 2014 auf Spurensuche nach der Familie ihres bei 9/11 umgekommenen Vaters. Die Lebensgeschichten der Mädchen berühren sich, verschachteln sich mit zunehmender Lesedauer, so dass wir Hannah bis ins hohe Alter begleiten. Und obwohl es um lange Zurückliegendes geht, ist die Story von bedrückender Aktualität.

Ausgangspunkt der Geschichte war für den Autor das Drama der St. Louis, eines großen Ozeandampfers, der sich 1939 mit über neunhundert (meist jüdischen) Menschen an Bord auf die Reise macht, um die Passagiere vor Nazi-Deutschland in Sicherheit zu bringen. Doch in Havanna lässt man nur einzelne Passagiere von Bord …

Beide Mädchen erzählen in der Ich-Form, das macht es sehr berührend. Beide haben Mütter, die es ihnen nicht einfach machen, die über ihrer Trauer und Verzweiflung öfters ihre Töchter vergessen. Das Buch ist kunstvoll konstruiert, aber leicht und spannend zu lesen und gleichzeitig sehr schwere Kost, weil es einem so nahegeht. Wenn auch die Geschichte an sich fiktional ist, so beruht sie doch auf einer wahren Begebenheit. Und das Schicksal der Flüchtenden erinnert fatal an das aktuell aus dem Meer geretteter Flüchtlinge, die kein Land aufnehmen will.

Im umfangreichen Anhang erläutert der Autor die geschichtlichen Zusammenhänge, ergänzt um die Passagierliste der St. Louis mit Fotos fröhlich dreinschauender Menschen. Man sieht ihnen an, sie hatten ihre ganze Hoffnung in eine bessere Zukunft gesetzt. Wer sich für weitere Details interessiert, wird im Internet fündig, ich will hier nicht zu viel vom Plot verraten. Unbedingt lesenswert! Und auch gut als Film vorstellbar.

Kazuo Ishiguro, Was vom Tage übrig blieb

England in den 30iger Jahren des vorigen Jahrhunderts: Der Butler Stevens widmet sein Leben mit absoluter Hingabe bis zur Selbstverleugnung seinem Dienstherrn Lord Darlington. Seinen eigenen Stand und Hierarchien stellt der Butler niemals in Frage. Oberflächlich betrachtet geschieht wenig, der Butler reflektiert auf einer mehrtägigen Reise sein Leben. Ein Buch, bei dem es gut ist, viel am Stück zu lesen, damit man in den Rausch dieser Sprache gerät. Die Sätze sind lang und oft etwas umständlich, sie spiegeln perfekt die britische Aristokratie jener Zeit wieder. Die komplette Szenerie am Schauplatz Darlington Hall ist korrekt, steif und ehrwürdig.

Es geht über weite Strecken um Stevens Selbstverständnis als Butler. Was ist seiner Meinung nach ein großer Butler, und wo sieht er sich selber? Sein Arbeitsplatz ist in einem der großen Häuser, das verbucht er auf der Haben-Seite, denn: „Für uns (Butler) also war die Welt ein Rad, dessen Nabe die großen Häuser waren“. Er selber ist bei einem Dienstherrn, „der alles verkörpert, was ich edel und bewundernswert finde.“ Dennoch taucht die Frage auf, muss ich eigentlich mit den Werten meines Arbeitgebers zu Hundert Prozent einverstanden sein, um gute Arbeit zu leisten? Eine Frage, die zunehmend an Bedeutung gewinnt …

Dann ist da noch Stevens’ Beziehung zu Miss Kenton, der Haushälterin auf Darlington Hall – mehr als eine Arbeitsbeziehung? Das Buch ist ein (faszinierendes) Paradebeispiel für fehlende bzw. misslungene Kommunikation. Der Austausch zwischen Butler und Haushälterin besteht aus einer Abfolge verklausulierter Wortwechsel und unterdrückter Gefühle. Manchmal möchte man den Butler schütteln, wenn er rückblickend sinniert: Gewiss deutete doch damals nichts darauf hin, dass solch offenkundig geringfügige Zwischenfälle ganze Träume für immer unerfüllbar machen würden.“ Als es auf das Wiedersehen mit Miss Kenton zusteuert, wechselt der Erzähler Stevens vom „ich“ zum „man“ und drückt damit so viel aus!

Wer England in sein Herz geschlossen hat, ein Faible für Downton Abbey hat und diese Sprache mag, wird das Buch sehr genießen. Ungefähr nach der Hälfte der Lektüre des Buches habe ich den Film gesehen – und ist es sonst so, dass ich entweder das eine oder das andere deutlich besser finde, so könnte ich ausnahmsweise einmal nicht sagen, dass mir eins von beiden besser gefallen hätte. Die beiden Medien haben sich auf kongeniale Weise ergänzt. Beides ist meisterhaft!