„Menschenkind“, von Toni Morrison

Was für ein Buch! Genauso sehr wie der Inhalt beschäftigen mich viele Fragen: Hätte ich dieses Buch auch gelesen, wenn Toni Morrison nicht den Pulitzer-Preis dafür bekommen hätte, wenn es nicht von einer Nobelpreisträgerin geschrieben worden wäre? Warum habe ich mich so schwer damit getan – zumindest phasenweise? Will ich mich nicht mehr anstrengen? Bin ich zu ungeduldig? Liegt es am Mystischen?

Die Geschichte erzählt von der ehemaligen Sklavin Sethe, die sich, hochschwanger, aus der Gefangenschaft befreien kann, und mit ihren drei bzw. vier Kindern bei ihrer Schwiegermutter unterkommt. Als die Geschichte einsetzt, lebt sie nur noch mit einem Kind zusammen. Ihre beiden halbwüchsigen Söhne sind auf und davon, ihre kleine Tochter lebt nicht mehr. Ihren Tod kann Sethe nicht verwinden. Der Geist des kleinen Mädchens spukt in ihrem Haus.

Morrison entrollt langsam, in vielen Rückblenden, Sethes langen Leidensweg. Dabei beschreibt sie nicht nur die von den Sklaven tagtäglich erlittenen Grausamkeiten, sondern führt eindringlich vor Augen, wie sich der Verlust der Freiheit für diese Menschen anfühlt. Sie schreibt so, dass einem permanent Bilder vor Augen kommen (ich musste häufig an den Film „Die Farbe Lila“ denken), man hört die Geräusche und Gesänge, hat die Gerüche in der Nase. Morrison schreibt poetisch, zart und gleichsam schwingend auf der einen Seite, aber auch zupackend und mit unerbittlicher Härte und Genauigkeit auf der anderen. Gleichzeitig lässt sie vieles in der Schwebe und nicht alles Verwirrende löst sich auf. Im Netz gibt es den Tipp, das Buch zweimal zu lesen, um es besser zu verstehen – aber auch die Anmerkung, wer will so ein schwieriges Buch denn gleich zweimal hintereinander lesen …

Aber dennoch: Das Buch ist auf jeden Fall sehr sehr lesenswert, man sollte sich Zeit dafür nehmen! Und es ist ein Buch, das sich gut für einen Lesezirkel eignet, denn im Gespräch mit anderen durchdringt man die Geschichte bestimmt besser, und erfahrungsgemäß beschäftigen jeden Leser andere Aspekte.

„Unser allerbestes Jahr“, von David Gilmour

„Jeder, der Eltern oder Kind ist oder jemals im Kino war, wird dieses Buch lieben“, schreibt Newsweek zu diesem autobiografischen Roman. Also ein Lieblingsbuch für jeden? So weit würde ich nicht gehen. Aber wer ein Faible fürs Kino hat und/oder die Nöte kennt, die ein die Schule verweigernder Jugendlicher seinen Eltern bereitet, wird großen Gefallen an dieser Geschichte finden. Der Autor erzählt, wie er mit der Schulkrise seines Sohns Jesse umgegangen ist. Die Lage ist ernst, denn Jesse hasst die Schule und die völlige Ablehnung ist nur noch eine Frage der Zeit. Der Vater schlägt seinem Sohn einen ungewöhnlichen Handel vor: Keine Schule mehr und kein Zwang, Geld zu verdienen, Kost und Logis zuhause sind frei unter einer Bedingung: Jesse muss mit seinem Vater zusammen drei Filme in der Woche anschauen, daheim. Nach ungläubigem Staunen willigt der Sohn ein.

Vater und Sohn beginnen mit ihrem Filmprogramm: Als Einstieg schauen sie Sie küssten und sie schlugen ihn, ein autobiografischer Blick auf Truffauts schwierige Jugend als Schulverweigerer. Es geht weiter mit Klassikern wie Basic InstinctCitizen Kane, Giganten, mit vielen Hitchcock-Werken wie BerüchtigtDie Vögel und Psycho. Immer wieder macht der Vater den Sohn auf besondere Szenen, berühmte Dialoge und auf Eigenheiten der Regisseure  und filmische Tricks aufmerksam. Ich kannte längst nicht alle Filme, aber bei denen, die ich gesehen habe, fand ich diese zusätzlichen Informationen sehr aufschlussreich und spannend. Und bei den mir unbekannten Filmen bekam ich Lust, sie mir anzusehen.

Aber das Filmprogramm ist nur der eine Teil der Geschichte. Der Vater erzählt von wunderbaren Stunden mit seinem Sohn, aber auch von seinen immer wieder kehrenden Zweifeln, ob es das Richtige ist, was er da tut. „Aber was ist, wenn sich nichts tut, wenn ich ihn in einen Brunnen geworfen habe, von dem es keinen Ausweg gibt (…) ?“ „Was ist, wenn ich mich irre? Was ist, wenn ich auf Kosten meines Sohnes cool bin und ihm erlaube, sein Leben zu ruinieren?“ Hinzu kommt: Jesse erlebt seine ersten Herz-Schmerz-Liebesgeschichten, und auch das ist für den Vater ein großer Balance-Akt. Wann reden, wann einfach nur die Klappe halten und zuhören? Und auch der Vater hat zu kämpfen, weil er sich in einer sehr schwierigen Jobsituation befindet. (Allerdings verschafft ihm das auch die Zeit für das Filmprojekt.) Wir begleiten Vater und Sohn durch dieses Jahr und lieben und leiden mit beiden – und treffen uns immer wieder mit ihnen auf der heimischen Kino-Couch. Gute Unterhaltung mit viel Inspiration zum Filme gucken und Stoff zum Nachdenken über die schwierigen Zeiten in der Eltern-Kind-Beziehung.

„Was man von hier aus sehen kann“, von Mariana Leky

Ein Dorf im Westerwald und seine skurrilen Bewohner – das sind die Protagonisten dieser herzerwärmenden Geschichte. Da gibt es Selma, die aussieht wie Rudi Carrell und der im Traum manchmal ein Okapi erscheint – das bedeutet, dass am nächsten Tag jemand im Dorf stirbt. Wer, weiß man natürlich nicht. So löst Selmas Traum vom Okapi jedes Mal hektische Aktivitäten aus: Beichten, Geständnisse, Schwüre, gute Vorsätze. Der Optiker liebt Selma, traut sich aber nicht, ihr seine Liebe zu gestehen, weil seine inneren Stimmen es immer wieder schaffen, ihn davon abzuhalten. Selmas Enkelin Luise ist die Ich-Erzählerin, sie verbindet mit dem gleichaltrigen Martin eine Freundschaft von unglaublicher Intensität, die originell beschrieben wird: „Martin übte schon seit dem Kindergarten Gewichtheben und ich war das einzige Gewicht, das immer greifbar war und sich anstandslos hochheben ließ.“ Luises Vater meint, ständig in der Welt herumreisen zu müssen; Luises Mutter trägt jahrelang eine unglaublich schwere Frage mit sich herum. Auch Martin hat einen Vater, der sich nicht wirklich kümmert. Selma und der Optiker, diese herzensguten Menschen sind es, die den beiden Kindern die Welt nahebringen. Auch die anderen Dorfbewohner wachsen einem mit ihren Nöten und Marotten schnell ans Herz.

Und eines Tages taucht Frederik auf, ein Hesse, der sich in ein buddhistisches Kloster in Japan zurückgezogen hat und nur ausnahmsweise in Deutschland ist. Luise und er begegnen sich, und ab da nimmt der Roman Fahrt auf. Im ersten Teil hatte ich etwas Schwierigkeiten, mit den vielen Menschen klarzukommen. Alle Personen werden ausführlich vorgestellt und so fühlte es sich zu Beginn an wie lauter einzelne Geschichten. Aber im zweiten Teil vernetzt sich alles, und ab dann war ich auch wirklich „drin“ und habe es sehr genossen.

Leky erzählt auf eine ganz besondere Art und Weise, lakonisch, originell und witzig, und immer ganz nah dran an ihren Figuren. Köstlich, wie sie den Kampf des Optikers mit seinen inneren Stimmen beschreibt und herrlich die Szene, wie Frederik ihn auf unkonventionelle Art und Weise davon heilt – na, nicht ganz, aber fast. Traurige Szenen sind mit unglaublicher Intensität dargestellt und lassen den Leser teilhaben an den von echter Menschlichkeit getragenen Beziehungen zwischen den Dorfbewohnern. Ein sehr, sehr  kluges und sehr schönes Buch!

„Gott, hilf dem Kind“, von Toni Morrison

Natürlich hat auch dieses Buch der Literaturnobelpreisträgerin den Rassenkonflikt zum Thema. Aber es geht noch um viel mehr in dieser Geschichte. Es geht um Bindungen und fehlende Bindungen innerhalb der Familie, um tiefgreifende Verletzungen, um prägende Erfahrungen in Kindheit und Jugend. Und um Mut, Würde, Anstand und Liebe. Lula Ann kommt zum Entsetzen ihrer Mutter Sweetness als tiefschwarzes Baby auf die Welt, der Vater verlässt die Familie, weil er nicht glauben mag, dass dieses Kind von ihm ist. Sweetness erzieht ihre Tochter restriktiv, mit dem hauptsächlichen Ziel der Anpassung, um sie vor Rassismus zu schützen. Doch Lula Ann geht ihren eigenen Weg, um mit ihrer Andersartigkeit umzugehen und sich von den Zwängen zu befreien. Sie wächst zu einer strahlenden Schönheit heran und nutzt ihr Aussehen gnadenlos, um ihre Hautfarbe vergessen zu machen. So wird sie überaus erfolgreich, inszeniert sich regelrecht, kleidet sich ausschließlich in Weiß und nennt sich Bride. Sie geht eine Beziehung mit Booker ein, der ebenfalls mit den Dämonen seiner Vergangenheit kämpft. Als er sie völlig unvermittelt verlässt und verschwindet, gerät Lula Anns – Brides –  Leben völlig aus den Fugen. Sie setzt alles daran, ihn zu finden.

Morrison findet starke Worte für die verletzten Seelen: „Wie lange hatte ihn (Booker) das Trauma seiner Kindheit schon vom Schwung und der Woge des Lebens abgeschottet.“ „Und was ihr (Lula Ann) den Schock erträglich machte, war die Befriedigung, berührt und behandelt zu werden von einer Mutter, die körperlichen Kontakt mied, wo sie nur konnte.“ Morrison verleiht abwechselnd den verschiedenen Protagonisten ihre Stimme und man folgt den Berichten gebannt. Bekommen Bride und Booker eine Chance, sich mit ihren verwundeten Seelen zu treffen und sich zu helfen oder gar zu heilen? Die Geschichte hält noch eine größere Überraschung bereit …

„Die Sommer die wir hatten“, von Louisa Young

Mit großer Freude habe ich entdeckt, dass die Geschichte der beiden Kriegsveteranen Riley und Peter weitergeht (Band 1: Eins wollt ich dir noch sagen, Band 2: Alles worauf wir hofften). Die aktuelle Fortsetzung beginnt 1928; Peters Kinder Tom und Kitty wachsen bei Nadine und Riley auf, weil Peter sich nicht in der Lage sieht, sie alleine großzuziehen. Nadine verbringt mit den Kindern mehrere wunderbare Sommer bei jüdischen Verwandten in Rom. Doch dann sieht sie mit zunehmender Beklemmung, wie ihr Vetter Naldo, überzeugter Faschist, Mussolini geradezu fanatisch verehrt. Der heranwachsende Tom braucht eine Weile, bis er die politischen Zusammenhänge begreift, aber dann gilt seine größte Sorge Naldos Tochter Nenna, die für ihn inzwischen mehr als eine Kindheitsfreundin ist … Naldo in seiner Verblendung will nicht begreifen, in welcher Gefahr seine jüdische Familie schwebt. Und Nenna steht zwischen allen Fronten …

Die Eltern-Generation, Nadine, Riley und Peter, die sich sehr mühsam von den inneren und äußeren Verletzungen des 1. Weltkriegs erholt hat, sieht sich erneut konfrontiert mit Krieg und fürchtet um das Leben ihrer Kinder.„Ich finde, es war nett vom Schicksal, dass es uns diese glücklichen Jahre geschenkt hat, bevor es das Licht wieder ausgemacht und den Vorhang zugezogen hat.“ Die drei erleben zwei Weltkriege in der Blüte ihrer Jahre. Und, nicht anders als alle anderen, kämpfen sie ja auch mit ihren ureigenen persönlichen Problemen. „Wir kämpfen alle unsere eigenen Schlachten neben dieser großen. Wie groß wird sie wohl?“

Young erzählt eindringlich und nachvollziehbar, wie Menschen in eine Verblendung hineinrutschen und nicht mehr herausfinden. „Aber wenn du nur eine einzige Lichtquelle gelten lässt und alle anderen ausschaltest – Geschichte, Bildung, die Erfahrungen anderer Menschen, Wissenschaft – , dann wird aus deinem Hell und Dunkel Schwarz und Weiß. Das tun die Menschen in unruhigen Zeiten. Sie glauben, jemand, der klar und stark ist, würde sie retten, und sie bräuchten keine Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.“ Young bettet auf unnachahmliche Weise Spannungen und Gefühle innerhalb der verschiedenen Familien in große Geschichte ein. Ich hoffe, sie setzt das fort.

„Eins wollt ich dir noch sagen“, von Louisa Young

Dies ist der Vorläufer zum von mir bereits besprochenen Roman: „Alles worauf wir hofften“, von Louisa Young. Ich wusste nicht, dass es diese Vorgeschichte gibt und habe die Bücher somit in der falschen Reihenfolge gelesen, aber das macht nichts! Im Roman „Eins wollt ich dir noch sagen“ erfährt man, wie die beiden Protagonisten Nadine und Riley sich als Kinder in London durch einen Zufall kennenlernen und wie sie sich langsam annähern, trotz ihrer so unterschiedlichen Herkunft. Er ist ein Arbeiterkind, sie eine Tochter aus gutem Hause. Eine Verbindung wäre – wir schreiben das Jahr 1917 – nicht standesgemäß. Dementsprechend hintertreibt Nadines Mutter die aufkommenden zarten Bande. Riley resigniert und meldet sich freiwillig für den Krieg.

Das Kriegsgeschehen wird in drastischen Worten geschildert. An der Front nur Purefoy genannt, ist Riley einer unter vielen, die unter entsetzlichen Umständen in Frankreich kämpfen. Durch einen Briefwechsel bleiben er und Nadine verbunden.

Auch die Geschichte des zweiten Paares, Julia und Peter Locke, wird in diesem „Vorläufer-Buch“ grob angerissen. Langsam wird eine Verknüpfung der beiden Paare aufgebaut: Locke ist im Krieg der Vorgesetzte von Riley und seine Kusine Rose pflegt Riley, als er schwer verwundet aus dem Krieg kommt. Riley mag sich niemandem mehr zumuten, schon gar nicht Nadine. Peter ist traumatisiert und flüchtet sich in den Alkohol. Beide Frauen kämpfen auf ihre ganz eigene, absolut unterschiedliche Art, um ihre Liebe bzw. ihre Ehe. Das ist wunderbar und einfühlsam beschrieben, genauso wie die Gefühlswelt der an Leib und Seele verwundeten Männer. Es gelingt der Autorin beeindruckend gut, diese vielen verschiedenen Facetten zu beleuchten. Sie zeigt glasklar, was der Krieg mit den Menschen macht. Dies wird im Nachfolgeband noch viel viel deutlicher. Zwei sehr empfehlenswerte Bücher – am besten mit diesem beginnen und dann „Alles worauf wir hofften“ lesen.

„Das ganze Kind hat so viele Fehler. Die Geschichte einer Entscheidung aus Liebe“, von Sandra Schulz

Dieses Buch, diese Geschichte, muss man aushalten. Die Journalistin Sandra Schulz erzählt, wie sie in der Schwangerschaft erst die Diagnose Down-Syndrom für ihr ungeborenes Kind erhält („Ich habe leider kein komplett unauffälliges Ergebnis für Sie“), dann über einen Herzfehler des Ungeborenen informiert wird und dann noch die Diagnose Hydrozephalus hinzukommt (auf deutsch viel hässlicher: Wasserkopf). Frau Schulz hat zwei Abbruchtermine und lässt sie verstreichen. Sie geht durch die Hölle. Die Schwangerschaft ist schrecklich, eine einzige Abfolge von Untersuchungen, medizinischem Fachvokabular, Ängsten und Zweifeln. Immer wieder sagen Ärzte Fürchterliches („Das ist Schrott“, als es um das Gehirn geht; „Das ganze Kind hat so viele Fehler“; „Wollen Sie das wirklich?“)

Das Buch ist voller Fragen und stellt unsere genormte Welt, unsere Erwartungen und unsere Anspruchshaltung in Bezug auf Gesundheit, Schönheit, Normalität, gründlichst in Frage. Es zwingt einen, sich mit Themen zu beschäftigen, die man sonst eher wegschiebt. Und die Autorin beschönigt nichts, sie nimmt uns mit auf ihrem Weg des bitteren Abschieds von all den Vorstellungen, die sie im Kopf hatte vom Leben mit ihrem Kind – natürlich einem gesunden Kind!

Ist die Pränatal-Medizin Fluch oder Segen? Was ist, wenn völlig unerwartet die Diagnose kommt, dass das Ungeborene nicht gesund sein wird? „Man geht zu einem Test, um etwas auszuschließen – und kehrt taumelnd zurück,“ sagt Sandra Schulz in einem Interview mit der Berliner Zeitung. Und: „Wer heute schwanger ist, braucht Kraft, um einfach guter Hoffnung zu sein.“

Warum habe ich diese Geschichte gelesen? Mein Mann war vom Auftritt der Autorin in einer Talkshow zutiefst beeindruckt und kaufte das Buch. Und ich hatte kurz zuvor den Film „26 Wochen“ gesehen. In diesem Film entscheidet die Schwangere sich gegen das Kind. Nun wollte ich erfahren, wie es ist, wenn eine Frau sich dafür entscheidet. Oder man könnte auch sagen, sie entscheidet sich dagegen, gegen den bewussten Tod ihres Kindes im Mutterleib. Ich kann dieses Buch wärmstens empfehlen – wenn man es aushält.

„Und damit fing es an“, von Rose Tremain

Ein Buch voller Weisheit und Wärme. Einfach wundervoll. Rundum. Es erzählt die Lebens-Geschichten zweier Männer, die seit Kindertagen eine enge Freundschaft verbindet. Es ist eine ungleiche Beziehung, Gustav wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, alleine mit seiner verbitterten Mutter. Anton stammt aus einer kultivierten jüdischen Familie, die ihn liebevoll fördert und seinen Wunsch unterstützt, ein berühmter Pianist zu werden. Doch Klavierspielen ist nicht gleich Klavierspielen, und nicht jeder ist dafür geboren, auf der großen Bühne zu stehen – und nicht jeder erkennt, was das Leben für ihn bereithält …

Gustav lernt von seiner Mutter Emilie nur eins: Du musst wie die Schweiz sein. Du musst dich beherrschen, du musst dich zusammenreißen, mutig und stark sein, und du musst dich heraus halten, neutral sein. Liebe erfährt Gustav nicht von Emilie. Aufgrund ihrer Überzeugung, dass der frühe Tod ihres Mannes mit seiner Hilfe für jüdische Flüchtlinge zusammenhängt, will Emilie ihrem Sohn sogar den Umgang mit Anton und seinen jüdischen Eltern verbieten. Aber Gustav steht treu und unerschütterlich zu seinem Freund, und als dessen Familie ihn mit zum Schlittschuhlaufen nimmt, eröffnet sich für ihn eine ganz neue Welt, die er unbedingt festhalten will.

In ihrem wunderbar kurzen und knappen Stil, der doch alles Wesentliche sagt, schildert Tremain, dass es manchmal ein ganzes Leben braucht, damit Menschen zu dem werden, das in ihnen angelegt ist. Es geht um Umwege, Irrwege und Abwege. Voller Wärme zeichnet sie wunderbare, lebensechte Charaktere, unperfekte Menschen, die sich durch ein unperfektes Leben mühen und doch immer wieder Momente großen und kleinen Glücks erfahren.

Lesen! Und sich den Namen der Autorin merken!

„Die Glasglocke“, von Sylvia Plath

Plath hat nur diesen einen (stark autobiografischen Roman) geschrieben, durch den sie weltberühmt wurde. Ich habe dieses Buch im Anschluss an „Du sagst es“ gelesen, den Roman, der die Amour fou zwischen Plath und Hughes aus der Sicht von Hughes thematisiert. Jetzt wollte ich im Gegenzug etwas über Plath erfahren und mir diesen Klassiker der Frauenliteratur vornehmen. Die junge, ehrgeizige und hochintelligente Volontärin Esther gewinnt als Preis einen Job bei einer Modezeitschrift in New York. Genießen kann sie die Zeit nicht, sie fühlt sich „sehr still und sehr leer, so wie sich das Auge eines Orkans anfühlen muss, das träge in der Mitte des Klamauks dahin treibt.“ Esther schwankt hin und her zwischen dem Wunsch, eine berühmte Autorin zu werden und dem Druck, den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen, Ehefrau und Mutter zu sein. Als sie eine Absage der Harvard University erhält, bei der sie sich um Aufnahme beworben hatte, gerät sie in eine tiefe Krise und empfindet zunehmend ihr Leben wie „unter einer Glasglocke sitzend, in meiner eigenen sauren Luft schmorend.“ Ihre depressive Veranlagung bricht sich mehr und mehr Bahn und sie begeht einen Selbstmordversuch. Sie wird in eine Klinik eingewiesen und mit Schocktherapie behandelt. Nur äußerst mühsam und mit immer wieder quälenden Rückschlägen erholt sich die junge Frau.

Plath schreibt dicht, stilistisch elegant, teils humorvoll, teils sarkastisch und findet immer wieder tolle Bilder (wie das einprägsame Bild der Glasglocke). Aber dennoch hat die Geschichte mich nicht durchgängig gepackt. Vielleicht weil die schockierenden Behandlungsmethoden und Esthers innere Qualen mit einer gewissen Distanz, quasi sezierend, beschrieben werden?

Plath wurde vom Feminismus verehrt wie eine Heilige. Weil sie den Rollenkonflikt und ihre Angst vor einem bürgerlichen Leben als Hausfrau und Mutter so intensiv thematisiert? Weil ihr Ehemann sie angeblich in den (frühen) Tod getrieben hat? Aus dem Roman „Du sagst es“ von Connie Palmen wissen wir, mit welcher Unbedingtheit Plath sich in die Beziehung mit Hughes gestürzt und sich eine Zeitlang der Illusion hingegeben hat, beides miteinander vereinbaren zu können, ihre schriftstellerischen Ambitionen und die Fürsorge für die Familie. Doch als Hughes aus der Ehe ausbrach, fiel das fragile Gebilde auseinander und Plath’s depressive Tendenzen gewannen die Oberhand. Hughes hat sie also, „typisch Mann“, im Stich gelassen und ist somit der Verräter – und Plath die Märtyrerin. Dass dies zu kurz gegriffen ist, erzählt der Roman von Palmen,  der Hughes’ Sicht der Dinge zur Sprache bringt und der bei mir letztlich mehr Eindruck hinterlassen hat als „Die Glasglocke“.

Auch wenn Plath die Beziehung zu Hughes in ihrem Roman gar nicht aufgreift (was ich erwartet hatte) – es ist absolut empfehlenswert, die beiden Romane im Doppelpack zu lesen.

 

„Du sagst es“, von Connie Palmen

Ein gewagtes Buch – gewagt insofern, weil die bekannte niederländische Autorin in die Rolle des berühmten Dichters Ted Hughes schlüpft und seine Version der Amour fou mit der ebenso berühmten Dichterin Sylvia Plath als fiktive Biografie schildert. Plath hat sich 1963 das Leben genommen, fortan wurde sie zur Märtyrerin, zur Ikone der Frauenbewegung, und Hughes wurde als Schuldiger, als Verräter und Mörder beschimpft. Ted Hughes ist 1998 gestorben, er hat sich Zeit seines Lebens nicht gegen die massiven Vorwürfe gewehrt, hat die Hasstiraden von Generationen von Frauen über sich ergehen lassen und hingenommen, dass sein Leben komplett vom Freitod seiner Ehefrau beherrscht war.

Nun verleiht Connie Palmen ihm postum eine eigene Stimme, lässt ihn seine Sicht der Dinge erzählen, lässt ihn tief eintauchen in die Zeit des Kennenlernens, in seine Liebe zu dieser schönen, geistreichen, energiegeladenen jungen Frau, mit der er aber auch durch ihre Panikattacken und Hysterie- und Migräneanfälle geht und deren krankhafte Eifersucht er über sich ergehen lässt. Dieser Eifersucht gibt er dann eines Tages tatsächlich Nahrung …

Obwohl man ja weiß, wie es ausgeht, ist es unglaublich spannend zu lesen, wie sich die Schlinge langsam zuzieht. Zu Beginn habe ich mich mit dem Stil etwas schwergetan, immer wieder gibt es geschraubte Sätze, die ich teilweise auch nach mehrmaligem Lesen (und dem Nachschlagen der Fremdwörter) nur schwer verstanden habe. Und der Stil ist natürlich literarisch. Es geht ja um zwei Dichter, da wird nicht geweint, da sieht er „wie sich ihre Augen langsam mit Tränen füllten, bis sie überflossen und zwei glitzernde Rinnsale eine Spur über die braunen Wangen zogen.“

„In einer Liebe kann man nie nur einem die Schuld geben“ – dieses Zitat von Palmen steht im Klappentext, und es ist der Autorin gelungen, dieser berühmten Beziehung die Objektivität, die sie verdient, zurückzugeben. Gleich im Anschluss habe ich natürlich „Die Glasglocke“ gelesen, Plath’s einzigen (stark autobiografischen) Roman, mit dem sie postum weltweiten Ruhm erlangte, und der als „einer der Klassiker des feministischen Romans“ (Kindlers Neues Literaturlexikon) gilt. Sehr spannend, ich werde berichten …