Unorthodox, Deborah Feldman

Wow, ein Buch, das einen sprachlos zurücklässt. Und mit einem dankbaren Gefühl für die eigene Unabhängigkeit und Freiheit, vor allem als Frau. In ihrem autobiografischen Roman beschreibt Deborah Feldman ihre Kindheit und Jugend in der ultraorthodoxen jüdischen Glaubensgemeinschaft der chassidischen Satmarer in Williamsburg, einem Stadtteil von New York. Es ist eine absolut fremde Welt, in die man eintaucht, und dementsprechend habe ich auch etwas gebraucht, um mich einzulesen. Zumal die Autorin immer wieder jiddische und hebräische Ausdrücke verwendet. Diese werden aber in einem Glossar im Anhang erklärt.

Der Alltag der Sekte ist von unglaublich vielen Verboten bestimmt; für Frauen sind diese noch mal deutlicher strikter als für Männer, teils unerträglich. Die Autorin lebt in der ständigen Angst, bei etwas Verbotenem erwischt zu werden, zum Beispiel beim Lesen! Es sind verstörende Einblicke in einen ganz besonderen Kosmos. Natürlich weiß man als Leser, dass Feldman sich hat befreien können, sonst gäbe es das Buch nicht. Aber man fragt sich ständig, wann schafft sie denn endlich den Sprung aus Unterdrückung und Zwangsehe. Und dann bewundert man ihren Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen mit ihrer Geschichte. Als das Buch 2012 in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurde, eroberte es sofort die Bestseller-Listen und war in kürzester Zeit ausverkauft. In ihrer ehemaligen Gemeinde ist Feldman seitdem geächtet. Sie war von dem plötzlichen Ruhm völlig überwältigt und fühlte sich erneut unfrei, aber das ist eigentlich schon Thema ihres nachfolgenden Buches, Überbitten, in dem sie beschreibt, wie ihr Leben nach dem Ausstieg weiter ging. Diese Besprechung folgt hier demnächst.

Dankeschön an Barbara für diesen Tipp, es ist eine sehr beeindruckende und lohnenswerte Lektüre!

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, Judith Kerr

Endlich gelesen! Das Buch ist ein Standardwerk der Jugendliteratur und ein Klassiker der Emigrantenliteratur. Es wurde 1974 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Tief berührt habe ich es zugeklappt. Erzählt wird die Geschichte einer jüdischen Familie auf der Flucht vor den Nazis. 1933, kurz vor der Machtergreifung Hitlers, flieht die neunjährige Anna mit ihrem Bruder Max, ihrer Mutter und ihrem Vater, dem berühmten Theater- und Literaturkritiker Alfred Kerr, in die Schweiz. Mitnehmen können sie so gut wie nichts; Anna, die sich zwischen zwei Stofftieren entscheiden muss, wird ihr zurückgelassenes rosa Plüschkaninchen später schmerzlich vermissen. 

Auch in der Schweiz bekommt die Familie den wachsenden Antisemitismus zu spüren, der Vater findet keine Arbeit, die Mutter tut sich mit den Anforderungen des Alltags extrem schwer. Die Kinder fassen besser Fuß, doch nach einiger Zeit beschließen die Eltern, nach Paris zu ziehen, in der Hoffnung, in Frankreich bessere Berufsaussichten zu haben. Von dort aus geht es nach England, aber die Lebensbedingungen für die Familie bleiben extrem schwierig. Die ständigen Ortwechsel machen Anna zu schaffen, sie möchte sich nicht wie ein Flüchtling vorkommen. Doch im Zusammenhalt der Familie findet sie immer wieder Trost und Kraft. Als Anna und  Max zunehmend erwachsener werden, kehren sich die Verhältnisse innerhalb der Familie langsam um. Die Kinder fühlen sich als Engländer, sie kommen immer besser mit dem Leben klar, während die Eltern sich nie richtig heimisch fühlen und am harten Alltag und der Geldknappheit zunehmend verzweifeln.

Da der Roman aus Sicht der (zu Beginn) neunjährigen Anna geschrieben ist, ist er locker und leicht zu lesen. Und mit einer Prise Humor geschrieben. So beschwert sich der Vater, dass die von Hitler auf ihn gesetzte Kopfprämie viel zu niedrig sei – er sei doch sicherlich mehr wert. Als die Bomben zu jeder Tages- und Nachtzeit auf London fallen und es sinnlos wird, Luftschutzkeller aufzusuchen, die Lage also immer dramatischer wird, beschreibt Anna, wie sie und ihre älteren Kolleginnen Schutz suchen: „Miss Potters fest bespanntes Hinterteil ragte an der einen Seite unter der Tischplatte hervor und Miss Clinton-Browns Riesenfüße an der anderen. Nur Mrs Riley gelang es immer  – dies war vielleicht die Folge ihres früheren akrobatischen Trainings – ihren ganzen Körper unterzubringen.“

Leicht zu lesen und dennoch so gehaltvoll. Es geht um Flucht und Vertreibung, Diskriminierung und Ausgrenzung, um die Schrecken des Naziregimes, um Bombennächte und die ständige Angst vor dem Tod. Wir alle haben sicher sehr viel Literatur zu diesen Themen gelesen. Die Perspektive der jungen Anna macht es jedoch besonders, denn es geht auch um das Erwachsenwerden in einer unglaublich schwierigen Zeit.

PS/ Ich habe Band 1-3 gelesen. Band 1: Als Hitler das rosa Kaninchen stahl. Band 2: Warten bis der Frieden kommt. Band 3: Eine Art Familientreffen.

Stay away von Gretchen, Susanne Abel

Ein erschütterndes Thema, super recherchiert und spannend aufbereitet. Gut zu lesen und vor allem bereichernd, weil es um ein Sujet geht, das bisher sehr vernachlässigt wurde:  Die Geschichte dreht sich um die sogenannten Brown Babys, die während der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden und überall ungewollt waren. Aber es geht auch um Rassismus, um die Weitergabe von Traumata an die nächste Generation, um Demenz – die Autorin widmet sich vielen Themen. Und natürlich ist es auch eine große Liebesgeschichte.

Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen. Im Jahr 2015 kümmert sich Tom um seine demente Mutter Greta in Köln. 1945 muss Greta mit ihrer Familie aus Ostpreußen flüchten, erlebt Schreckliches und schlägt sich unter schwierigsten Bedingungen in den Jahren nach dem Krieg durch. Die historische Ebene hat mir deutlich besser gefallen, der Sprachstil im Jetzt, rund um den erfolgsverwöhnten Workaholic Tom, ist mir zu flapsig, zu betont cool. 

So ist mein Urteil nicht durchgängig positiv. Das Ende ist sogar ausgesprochen ärgerlich, und schmälert das beeindruckende Bild, das die sorgfältigen Recherchen zuvor geprägt haben. Der Protagonist Tom, ein bekannter Kölner Nachrichtenmoderator, ist zunächst herzlich unsympathisch, Typ gefühlloser, oberflächlicher Macho. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber er wandelt sich, und seine Wandlung ist nicht ganz glaubwürdig gelungen. 

Aber, eigentlich sind das Nebensächlichkeiten, denn der Autorin gebührt Dank und Anerkennung, dass sie das Leben der Brown Babys mit ihren größtenteils erschütternden Schicksalen zum Thema gemacht hat. Das umfangreiche Literatur- und Filmverzeichnis am Ende zeugt von ihrer akribischen Recherche. Das Ganze in eine unterhaltsame Form zu bringen, ist ihr bestens gelungen. Von meinen kritischen Worten sollte sich also niemand abhalten lassen, das Buch zu lesen – alles in allem ist es sehr lohnend!

PS/ Eine mehrteilige Historienserie in der ARD, die heute Abend beginnt, scheint ähnliche Themen aufzugreifen: Ein Hauch von Amerika.

Von hier bis zum Anfang, Chris Whitaker

Großartig konstruiert, mit einem Ende, das einem die Tränen in die Augen treibt. Das Buch wird viel verglichen mit „Der Gesang der Flusskrebse“– es ist aber viel rauer und hat noch mehr Krimianteile. Aber auch diese Geschichte hat eine ganz starke Mädchenfigur. Die dreizehnjährige Duchess sorgt aufopferungsvoll für ihren kleinen Bruder und kümmert sich gleichzeitig um ihre Mutter Star – die Ermordung ihrer Schwester Sissy vor dreißig Jahren hat Star depressiv werden lassen. Als Sissys angeblicher Mörder Vincent King seine Strafe abgesessen hat und freikommt, überschlagen sich die Ereignisse. Nicht nur die Kinder geraten in einen wilden Strudel. Walker, ein herzensguter Polizist, glaubt an seinen Freund Vincent und lässt nichts unversucht, um ihm zu helfen. Doch Walker ist krank und Vincent will sich gar nicht helfen lassen …

Die Hauptfigur, die dreizehnjährige Duchess bezeichnet sich selbst als Outlaw und macht ihrem Namen alle Ehre. „Für Weiches hatte sie keine Verwendung.“ (Heutzutage würde man sie als Systemsprenger bezeichnen.) „Sie (Duchess) versuchte, das Mädchen neben sich anzulächeln, bekam aber nichts zurück. So war es schon lange, als wüssten die anderen Kinder, was sie war, erschöpft, voller Verantwortung, keine Zeit für das, was man von einer Freundin wollte.“ 

Duchess trägt schwer an der Bürde, sich um ihren Bruder zu kümmern; eigentlich ist sie immer nur um sein Wohl besorgt, doch durch ihr Verhalten verschlimmert sich die Lage der Geschwister immer mehr. Als Leser fragt man sich, wieviele Nackenschläge die Kinder denn noch einstecken müssen. Doch es gibt auch positive Figuren wie Großvater Hal, den Cop Walker und die mütterliche Freundin Dolly. Sie sorgen für Hoffnung und Menschlichkeit im Leben der Kinder, in dem es ein ständiges Auf und Ab gibt, das man atemlos verfolgt.

Die Geschichte ist äußerst fesselnd, toll geschrieben und zugleich ungeheuer ergreifend. Ein sehr lesenswertes Buch.

Für eine kurze Zeit waren wir glücklich, William Kent Krueger

Mein Mann hat das Buch auch sehr gerne gelesen. Dies ist also mal eine Empfehlung im Doppelpack. 🙂 Ich mag es sehr, wenn der Titel eines Romans sich im Inneren wiederfindet – mindestens mal als Gedanke, aber gerne auch als wörtliches Zitat. Das ist bei diesem Buch so. Aber nicht nur deshalb hat es mir so gut gefallen. Die Geschichte hat einen wunderbaren Erzählfluss, passend zum Fluss, der eine große Rolle in der Geschichte spielt.

1961 lebt der Ich-Erzähler, der dreizehnjährige Frank mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder Jake und seiner älteren Schwester Ariel in New Bremen in den USA. Der Vater geht völlig in seinem Beruf als Pfarrer dreier Gemeinden auf, die Mutter wollte eigentlich keine Pfarrersgattin werden. Das sorgt für Konfliktpotential. Durch die Tätigkeit des Vaters sind den Kindern Trauerfälle und Beerdigungen vertraut. Doch auf einmal häufen sich die Todesfälle in der kleinen Gemeinde, und auf vielfältige Art und Weise sind Frank und Jake darin verwickelt. Das bringt gewaltige Unruhe in ihr Leben. Und die schon vorher nicht stabile Ehe ihrer Eltern gerät endgültig ins Wanken und damit auch der Zusammenhalt der Familie. Das ist toll und einfühlsam beschrieben: „Die Stille war wie ein großer, schwerer Stein, der uns niederdrückte.“

Die Figuren wachsen einem schnell ans Herz; berührt hat mich besonders, wie Frank, der Erzähler, seinen kleinen Bruder beschreibt. Der hat es als Stotterer nicht leicht im Leben, aber blickt, salopp gesagt, voll durch. Und es gibt eine wunderbare Szene mit Gus, einem als schwierig geltenden Mann, der „auf sonderbare Weise zur Familie gehört.“ Er sorgt oft für Ärger, hat aber das Herz am rechten Fleck. In einem Chaos-Moment tut er genau das Richtige, macht den beiden verwirrten Jungen etwas zu essen, setzt sich mit ihnen an den Tisch und sorgt damit in diesem Moment für Normalität im Leben der Brüder. „Wir redeten alle, selbst Jake, und lachten miteinander, und bei Gott, für eine kurze Zeit waren wir einfach glücklich.“ 

Es ist am Rande auch eine Kriminalgeschichte, in der sehr geschickt Spuren ausgelegt werden und deren Auflösung bis zum Schluss spannend bleibt. Zum Ende hin wird es immer dichter, immer beeindruckender und bewegender, was man sehr schön an der Verteilung meiner Sticker sieht 😉 Je mehr es sich zuspitzt, desto mehr werden die großen Fragen des Lebens behandelt.

Von Trennungen und ramponierten Nerven – oder von übersprungenen Hürden und einem endlich fertigen Roman

Es ist nicht einfach, das textliche Manuskript für fertig zu erklären. Man kann immer etwas verbessern, findet immer noch ein Fehlerchen. Aber letztendlich habe ich mir einen Ruck gegeben und mit dem Satz des Textes begonnen. Ein Buch komplett fertig zu gestalten macht mir große Freude, eigentlich …

Der Text läuft automatisch in die Form ein, die man vorher (nach vielen Entscheidungen, die zu treffen sind) festgelegt hat, muss dann aber im Detail nachgebessert werden. Eigennamen sollten nicht getrennt sein, eine Seite nicht mit einer einzigen eingezogenen Zeile stehenbleiben oder anfangen. Bessert man an einer Stelle nach, stimmt es an anderer Stelle nicht mehr. Ich verzichte auf weitere Details, ich kann nur sagen, es war nervenaufreibend, weil der Computer keinesfalls immer das gemacht hat, was er sollte.

Wirklich Freude dagegen hat die Entwicklung des Umschlags gemacht. Dieses Mal gab es aber zwei Varianten, die mir beide seeeehr gut gefielen, und ich habe mich mit der Entscheidung ziemlich gequält. Und dann muss man zum Schluss auf den Knopf für die Freigabe drücken, sein Baby in die Welt entlassen, das ist auch noch mal eine Riesenhürde. Aber ich habe sie übersprungen:

Tataa!

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Leichtes und Schwieriges – oder von neuen Erfahrungen

Bei meinem Erstling war mir das Thema der Geschichte irgendwann in den Schoß gefallen – ich konnte mich auf eigene Erfahrungen stützen und musste „nur“ daran arbeiten, es nicht zu autobiografisch werden zu lassen, den Figuren ein Eigenleben zu geben und den Plot interessant zu gestalten. 

Beim aktuellen Projekt war das anders, es bedeutete eine neue Herausforderung. Es ist eine ganz andere Hausnummer, einen Stoff und eine Dramaturgie von Null an zu entwickeln, Figuren zu erschaffen, Spannung zu erzeugen. Es war manchmal wirklich sehr mühsam und zäh. Zu Beginn fühlte es sich mehr an wie: ich bastele mir einen Roman als: ich schreibe einen Roman. Frustration und Zweifel waren häufige Begleiter. Bis es dann auf einmal lief und ich nur noch schrieb und schrieb. Es ist schön, wenn es leicht geht, aber es weckt auch Misstrauen. Denn wenn einem die Formulierungen zu schnell einfallen, man es zu simpel ausdrückt, weil man es so im Kopf hat, tausendmal gehört oder gelesen hat, dann verstellt es womöglich den Weg für das Echte, das wirklich Treffende, das Eigene. 

Meine erste Fassung war zu grob, zu dünn, die Konflikte waren nicht genug zugespitzt, bestimmte Aspekte nicht ausreichend vertieft. Dieses Feedback gab es auch von meinen Testleserinnen. Zum Glück liebe ich die Überarbeitung, das Spielen mit Worten und Sätzen; ich bin immer wieder fasziniert, was eine kleine Umstellung im Satz für eine große Wirkung haben kann. Gleichzeitig schockiert es mich, wie quälend es ist, wenn sich das richtige Wort für ein Gefühl einfach nicht einstellen will. Und dann gibt es noch das Thema „Verschlimmbessern“, das kann durchaus passieren, wenn man sich zu lange an einer Stelle aufhält. Und es kann sehr quälend sein, Entscheidungen zu treffen.. Ist diese Formulierung schöner bzw. treffender oder jene? Es erinnert mich an die Fragen beim Optiker: Ist es so besser oder so?

Mitten im Lauf fiel mir der Titel für den Roman ein (es war eine äußerst langwierige Suche beim ersten Buch) und fast gleichzeitig hatte ich Ideen, wie das Cover aussehen sollte. Einiges war also dieses Mal leichter, anderes deutlich schwieriger. Für mich hat es eine neue Entwicklungsstufe beim Schreiben bedeutet, das allein war es schon wert. Aber mit dem Schreiben allein ist es ja leider nicht getan. Bevor ein Manuskript zu einem Buch wird, gilt es erneut große Hürden zu überwinden. Wahrscheinlich ist das wie bei einem Reit-Parcours. Es gibt Hürden, über die springt man gerne, und es gibt Hürden, vor denen man zurückscheut. Nächstes Mal geht es um die ekligen Hürden. 

Recherche mit Hindernissen – oder vom digitalen Spazierengehen

Für mich war es klar, ich begebe mich für vier Wochen an den Ort, über den ich schreiben will und lasse Umgebung, Klima, Flora und Fauna auf mich wirken. Schaue mir die Menschen an, höre ihnen zu und sauge Stimmungen auf. Doch Corona ließ die Reise nicht zu. Zum Glück war ich vor zwei Jahren im Périgord, dem geplanten Schauplatz, gewesen. Der Aufenthalt mit all seinen Facetten hatte mich begeistert, und die holländischen Vermieter unserer Ferienwohnung hatten mich überhaupt erst auf die Idee für das Romanthema gebracht. Ich hatte also ein grobes Bild vom Schauplatz, aber das hätte unbedingt vertieft werden müssen! 

Da es sich beim Périgord um eine touristisch attraktive Gegend und beim Städtchen Sarlat und die Dörfchen im Umfeld um Besuchermagneten handelt, habe ich reichlich Material im Internet gefunden – schöne Fotos und viele Filme mit tollem Informationsmaterial und geführten Spaziergängen durch die Orte, an denen ich den Roman ansiedeln wollte. Und ich erfuhr, dass Helena, die nette Holländerin, einen Blog über ihr Auswanderabenteuer geschrieben hatte. Die (natürlich auf holländisch geschriebenen) Blogbeiträge habe ich mit deepl.com (ein gutes Übersetzungsprogramm) ins Deutsche übertragen und mich davon inspirieren lassen. Und mich teilweise köstlich amüsiert über die drollige Übersetzung; letztlich konnte ich aber immer erahnen, was gemeint war. 

Parallel dazu habe ich in Reiseführern über die Gegend gelesen und mir Unmengen von Büchern zum Thema Frankreich zugelegt, eine kleine Auswahl: Fettnäpfchenführer FrankreichSo sind sie, die FranzosenSavoir-Vivre, leben wie eine FranzösinIm Ausland leben für Dummies. Mit all diesen Instrumenten habe ich mich in eine „französische Stimmung“ versetzt. Im September 2020 habe ich es dann doch noch nach Frankreich geschafft, zwar nur für zehn Tage, aber die Zeit war sehr wertvoll, um das Frankreich-Feeling noch einmal aufzupolieren. Auswanderin Helena hat mir kostbare Stunden gewidmet und viel von ihren Erfahrungen berichtet. Das hat mir noch mal einen guten Schub gegeben. Dennoch – es war ein schwieriges Romanprojekt. In Kürze mehr dazu.

Das Ding zum Laufen bringen – oder wie Corona sich einmischte

Ich schreibe für mein Leben gern, aber es gibt auch sehr viel anderes, das Spaß macht. Oder auch keinen Spaß macht, aber getan werden muss. Will heißen, zu Beginn habe ich gearbeitet, wenn es zeitlich passte. 

Familie, Freundschaften und Pflanzen wollen aber gepflegt, Unkraut und Staubwolken entfernt, Sport betrieben, Zeitungen und Bücher gelesen, Blogbeiträge geschrieben und der ganz normale Alltagswahnsinn bewältigt werden. Diese Vielfalt, die das Leben bietet, fasziniert und beglückt mich immer wieder aufs Neue. Also habe ich versucht, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen. Man könnte doch annehmen, meine bisherige Schreiberfahrung hätte mich eines Besseren belehrt. Es hat gedauert, bis ich es erneut  kapiert und (schweren Herzens) den Schalter umgelegt habe: Die frühmorgendliche Lesezeit im Bett streichen, Frühstück und Zeitungslektüre schneller beenden, den Vormittag ausschließlich fürs Schreiben reservieren. Nur so funktioniert es bei mir und so scheint es bei anderen auch zu sein. Die Schriftstellerin Eva Menasse sagt: Man braucht einfach Ruhe und Ungestörtheit für so etwas Altmodisches wie einen Roman, eine Kunstform, die sehr viel Zeit und Abgeschiedenheit erfordert. 

Dank Corona gab es auf einmal reichlich Zeit und Abgeschiedenheit – ein echter Pluspunkt. Aber Corona verhinderte auch meinen geplanten Recherche-Aufenthalt im Périgord. Ein Hindernis, das mich erheblich ins Trudeln brachte. Aber der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Wie das bei mir aussah, davon erzähle ich beim nächsten Mal.

Fleißarbeit – oder von Figuren, die nicht das machen, was der Autor will

In Schreibratgebern gibt es viele Hinweise, wie man am besten Figuren anlegt, mit Listen zu Namen, Aussehen, Charakter, besonderen Gewohnheiten und all den Eigenschaften, die einen Menschen ausmachen. Tagelang und seitenweise habe ich Figuren entworfen, Figuren, die ich später gar nicht verwendet habe, weil die Geschichte sich anders entwickelt hat als vorgesehen. Zu den Personen, die mitspielen, habe ich mir ausführliche Geschichten ausgedacht, nur um diese hinterher nicht zu verwenden. Aber ich kenne ihre Biografie, und das ist das, was zählt, denn nur wenn man in die Person hineinschlüpft und ganz viel über sie weiß, kann man über sie schreiben. So habe ich an einigen Stellen beim Prüfen gemerkt, nein, so verhält sich dieser Mensch nicht, es passt nicht! Die Protagonistin Charlotte schmiegt sich nicht an, sie umarmt stürmisch! 

Zunächst habe ich mit handschriftlichen Notizen in einer wunderschönen Kladde gearbeitet, doch dann bin ich umgeschwenkt auf ein digitales Notizbuch, OneNote, das es mir ermöglicht hat, die Notizen strukturiert abzulegen und (wichtig!) leicht wiederzufinden. Und sofort fühlte sich mein Vorhaben deutlich professioneller an – obwohl ich eigentlich keine Freundin digitaler Tools bin. Man entwickelt sich doch weiter 😉  Leider entwickelte sich zu dieser Zeit eine weltumspannende Epidemie, die unser aller Leben in einem bisher nicht vorstellbaren Ausmaß veränderte. Wie sich das auf mein Projekt auswirkte, erfahrt ihr demnächst.