Hanns-Josef Ortheil, Die Berlinreise

Ich bin Ortheil-Fan und so freute ich mich riesig, als ich kürzlich ein ganz besonderes Werk von ihm entdeckte – ein Reisetagebuch des zwölfjährigen Schriftstellers – voll von klugen Gedanken und frühreifen Lebensweisheiten. „Ich möchte nicht fleißig sein“ erklärt er uns zum Beispiel in wohlgesetzten Worten und mit ausführlicher Begründung. 1964 hat der junge Ortheil eine in jeder Hinsicht beeindruckende Berlin-Reise mit seinem Vater gemacht. Berlin hatte im Leben der Eltern des Jungen viele Jahre eine besondere Rolle gespielt, über die der zwölfjährige Hanns-Josef aber so gut wie nichts wusste. Ebenso kannte er die näheren Umstände der Todesfälle seiner vier älteren Brüder nicht. Er wusste nur, dass seine Eltern vor seiner Geburt vier Söhne verloren hatten. 

Nun also die Spurensuche in Berlin, gemeinsam mit dem Vater – für die Mutter wäre die Reise zu schmerzhaft gewesen – sie ist für den Jungen aber stets präsent. Ununterbrochen macht sich der Zwölfjährige, der später so berühmte Schriftsteller, Notizen und Aufzeichnungen, die er im Nachhinein zu einer Art Reisetagebuch ausarbeitet und seinem Vater widmet. Der Vater nimmt im Laufe der Jahre ein paar kleinere stilistische und orthographische Korrekturen am Text vor, im Großen und Ganzen ist die vorliegende Fassung aber unverändert. „Der kindliche Ton der Darstellung sollte vielmehr mit all seinen Eigentümlichkeiten, Fehlern und Kuriosa erhalten bleiben“, schreibt Ortheil im Vorwort.

Und genau das macht das Buch so besonders. Es sind die unverfälschten Eindrücke eines (begabten) Zwölfjährigen. Der junge Ortheil beschreibt seine Eindrücke vom geteilten Nachkriegs-Berlin: „Alles sah sehr anders aus als im Westen und ein wenig so wie in Zeitlupe oder wie in einem Traum ohne Farben. (…) es war gebremst, stark gebremst, ohne Schwung und ohne richtige Lust“. Und an anderer Stelle: „Wer oder was hat Berlin so verkorkst?“ Gemeinsam bewegen sich Vater und Sohn auf den Spuren der elterlichen Vergangenheit und machen so eine Zeitreise in den Zweiten Weltkrieg, erleben aber auch hautnah die Auswirkungen des Kalten Krieges. Die große schriftstellerische Begabung Ortheils ist schon zu diesem frühen Zeitpunkt bestens erkennbar. Aber er hätte auch Pianist werden können, das deutet sich an, als er sich im Restaurant der Kongresshalle unverrichteter Dinge an den Flügel setzt und ein Stück von Bach spielt. „Ich fetzte es richtig herunter, obwohl ein Blüthner-Flügel eigentlich zu langsam, weich und behäbig ist, um richtig darauf zu fetzen.“

Die besondere Vater-Sohn-Beziehung, die innige Nähe zwischen den beiden, ist ebenso berührend, wie der Versuch des Jungen, eine Verbindung zum früheren Leben der Eltern herzustellen. Langfristig bedeutet das für Ortheil den ständigen Versuch, den „Berlin-Schrecken“ zu verlieren. Die Geschichte dazu geht einem nahe und sie ist unterhaltsam, aufschlussreich und sehr lesenswert.

Astrid Lindgren Louise Hartung, Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft

Briefwechsel sind wunderbare Dokumente – sie bringen einem die Schreibenden nahe und gleichzeitig lassen sie einen unmittelbar am Zeitgeschehen teilhaben. Die berühmte Astrid Lindgren und die ebenso beeindruckende Louise Hartung wechseln zwischen 1953 und 1965 eine Fülle hochinteressanter Briefe. Die beiden lernen sich auf einer von Hartung für Lindgren organisierten Lesereise in Deutschland kennen. Hartung ist begeistert von Pippi Langstrumpf und tut alles dafür, Lindgren in Deutschland bekannt zu machen. 

Mit jedem Brief sind wir abwechselnd in Stockholm und in Berlin – gerade dort ist das natürlich eine äußerst bewegte Zeit: Wiederaufbau, Kennedy-Besuch und -Attentat, Mauerbau. Lindgrens Leben wird neben dem Schreiben stark durch die Familie bestimmt: Kinder, Enkel, alte Eltern. Der Briefwechsel zeigt, wie zerrissen Lindgren teilweise war „ich kann nichts dafür, dass mein Leben in viele viele kleine Stücke zerlegt ist, von denen viele verschiedene Menschen ihr Teil beanspruchen.“ Anfangs leidet man als Leser unter dem Ungleichgewicht der Beziehung: Lindgren will Freundschaft, Hartung will Liebe. Hartung ist alleinstehend, Lindgren hat ihre ständig wachsende Familie, von Hartung als „dein Klan und dein Klüngel“ bezeichnet. Sie klagt, dass sie sich ans Ende einer bestehenden Schlange „einer Boa Constrictor“ anstellen muss und nicht wichtig genug für Lindgren ist. „Der Berliner nennt das am steifen Arm zum Fenster heraushalten.“ Lindgren fühlt sich bedrängt und verteidigt sich …

Im Laufe der Jahre rücken die Frauen aber doch deutlich näher zusammen und machen gemeinsame Reisen. Beim Lesen freut man sich über jedes persönliche Aufeinandertreffen der Freundinnen. Beide schreiben klug und tiefschürfend, mit großem Wissen, aber auch witzig und locker. Über die großen Themen tauschen sie sich ebenso aus wie über die kleinen Freuden und Widrigkeiten des Alltags. So erfährt man viel über das Leben der 50er Jahre in Deutschland und über das Leben der wichtigsten Kinderbuchautorin des 20. Jahrhunderts in Schweden; es ist eine tolle Korrespondenz zwischen zwei starken und beeindruckenden Frauen in einer sehr bewegten Zeit. Ich habe jedenfalls intensiv am Leben dieser beiden besonderen Frauen teilgenommen und war sehr traurig, als der Briefwechsel mit Hartungs Tod jäh endet. Es gibt viele Fußnoten, die auf interessante Anmerkungen im Anhang verweisen, ein echtes Zeitdokument, unbedingt empfehlenswert!

Im Laufe der Jahre rücken die Frauen aber doch deutlich näher zusammen und machen gemeinsame Reisen. Beim Lesen freut man sich über jedes persönliche Aufeinandertreffen der Freundinnen. Beide schreiben klug und tiefschürfend, mit großem Wissen, aber auch witzig und locker. Über die großen Themen tauschen sie sich ebenso aus wie über die kleinen Freuden und Widrigkeiten des Alltags. So erfährt man viel über das Leben der 50er Jahre in Deutschland und über das Leben der wichtigsten Kinderbuchautorin des 20. Jahrhunderts in Schweden; es ist eine tolle Korrespondenz zwischen zwei starken und beeindruckenden Frauen in einer sehr bewegten Zeit. Ich habe jedenfalls sehr intensiv am Leben dieser beiden besonderen Frauen teilgenommen und war sehr traurig, als der Briefwechsel mit Hartungs Tod jäh endet. Es gibt sehr viele Fußnoten, die auf interessante Anmerkungen im Anhang verweisen, ein echtes Zeitdokument, unbedingt empfehlenswert!

Launen der Zeit, Anne Tyler

Herzerwärmend mal wieder, diese Anne Tyler. Ich habe mir vor langer Zeit angewöhnt, beim Lesen schöne Formulierungen, kluge  und bedenkenswerte Sätze mit Post-its zu markieren – dieses Buch wimmelt nun nur so von Markierungen und Zettelchen. Bei Tyler geht es immer unaufgeregt zu. Willa Drake, die Hauptperson, hat keine besonders glückliche Kindheit, da ihre Mutter immer mal wieder kurzzeitig die Familie, ihren Mann und ihre beiden kleinen Töchter, verlässt. Willa heiratet ohne rechte Überzeugung ihren Jugendfreund Derek und als der sie zwanzig Jahre später zur Witwe macht, heiratet sie Peter. Beide Männer wirken nicht besonders sympathisch, und Willas Hauptproblem ist schnell klar – sie lässt sich treiben, sie lässt andere über sich bestimmen, sie lebt nicht ihr eigenes Leben. 

Die Haupthandlung setzt ein, als Willa einen Anruf aus dem weit entfernten Baltimore  bekommt. Die Ex-Freundin ihres Sohnes wurde angeschossen und eine Nachbarin bittet händeringend um Hilfe – die elfjährige Tochter muss betreut werden. Willa zögert nicht und setzt sich ins Flugzeug, begleitet von ihrem eher unwilligen Mann. Vor Ort blüht Willa auf, sie fühlt sich endlich einmal gebraucht. Alle auftretenden Figuren sind kauzige Typen, mit teilweise skurrilen Eigenarten, alle liebevoll und lebensnah gezeichnet; gemeinsam mit Willa schließt man sie schnell ins Herz. 

Am meisten bewundere ich Tylers Kunst, mit ganz einfachen Sätzen Gedanken und Gefühlsregungen darzustellen oder die Handlung voranzutreiben. Sie schafft es wie keine zweite, mit eingestreuten Bemerkungen dem Leser deutlich klarzumachen, wie der Mensch tickt und was für Charaktereigenschaften er hat, ohne dass sie sie explizit beim Namen nennt. Das ist hohe Kunst, damit gelingt ihr perfekt, was alle Schreibratgeber propagieren: Show, don’t tell. Die ganze Geschichte ist unspektakulär (man ahnt früh, wie es ausgeht), aber mit so viel Wärme und Herz geschrieben, dass ich einfach immerzu hätte weiterlesen können. 

Deutsches Haus, Annette Hess

Dies ist kein schönes Buch. Es ist stellenweise schwer auszuhalten. Ich habe mir das Buch gewünscht, weil die Autorin für die von mir sehr geschätzten Fernsehserien Weißensee und Ku’damm die Drehbücher geschrieben hat. Vor allem die Serien Ku’damm 56 und 59 sind vorrangig nette Unterhaltung. So war ich erst schockiert, weil ich etwas anderes erwartet hatte. Ich wusste nur, es geht auch in diesem Buch um deutsche Geschichte. Es geht um DEN Teil deutscher Geschichte – den Teil, der so unfassbar schrecklich ist, dass es fast unmöglich ist, Worte dafür zu finden. 

So fühlt sich auch die Protagonistin Eva, die im Auschwitzprozess 1963 die Zeugenaussagen übersetzen muss. Sie ahnt nicht, wie dramatisch sich auch ihr eigenes Leben durch die Teilnahme an diesem Prozess verändern wird. Auch ihre Beziehungen zu den Menschen, die ihr etwas bedeuten, stehen auf dem Prüfstand. Da ist Jürgen, von dem sie sich so sehr den Heiratsantrag wünscht. Jürgen ist extrem verklemmt und lange uneindeutig in Bezug auf Eva. Er weiß nur, dass sie sich von ihm führen lassen soll. Es ist immer wieder erschreckend über die Rolle der Frau in den 60er Jahren zu lesen. Ganz selbstverständlich bestimmt der Mann, sogar der Verlobte!, über die Berufstätigkeit der Frau und was ihr zusteht und was nicht. (Erst 1977 benötigen Frauen in Deutschland offiziell nicht mehr das Einverständnis ihres Mannes, wenn sie arbeiten wollen, das musste ich mir mal wieder klarmachen!) Evas Beziehung zu Jürgen ist aber nicht nur aus diesen Gründen für mich schwer nachvollziehbar. Auch mit der Rolle von Evas Schwester habe ich mich schwergetan – es wäre schön, sich hierüber mit anderen Lesern auszutauschen! Am dramatischsten ist Evas Beziehung zu ihren Eltern, die sich merkwürdig verschlossen und ablehnend zeigen, als Eva diesen beruflichen Auftrag annimmt. Langfristig stürzt Eva das in ein emotionales Chaos.

Das gigantische Ausmaß der Verdrängung in der Nachkriegszeit wird in diesem Buch sehr eindringlich dargestellt. Die Themen sind also nicht schön, aber sie sind überaus wichtig und bedeutend, und das Buch ist unbedingt  lesenswert. Ganz zum Schluss, im vorletzten Absatz, gibt es einen sehr schönen Satz. Den verrate ich hier natürlich nicht …

Zeitenwende, Carmen Korn

Wehmütiger Abschied von guten alten Bekannten, wenn nicht Freunden – so fühlt es sich an, nachdem ich den dritten und letzten Band von Carmen Korns Trilogie beendet habe. Im dritten Band sind mir die drei bzw. vier Freundinnen mitsamt ihren untereinander befreundeten Familien doch sehr ans Herz gewachsen. Das Buch beginnt im Jahre 1970, die Freundinnen gehen auf die Siebzig zu und kämpfen mit den Tücken des Alters. Gleichzeitig wächst die neue Generation heran und liebt und leidet sich durchs Leben. Die Geschichte endet am letzten Tag des Jahrhunderts, da lebt nur noch eine der Frauen … Dazwischen gibt es fröhliche Partys, freudige Ereignisse, tiefe Freundschaften, Krankheiten, Krisen und neue Konstellationen.

Sehr geschickt flicht Carmen Korn in den ersten Kapiteln Begebenheiten aus den Büchern davor ein, so dass man ganz schnell wieder „drin“ ist. Gleichzeitig gibt sie immer wieder Ausblicke auf die Themen, die einen in diesem Band erwarten.

Man merkt, dass die Autorin Journalistin ist, sie schreibt in einem teils sehr verknappten Stil. Mit trockenem und liebevollem Humor charakterisiert sie ihre Protagonisten. Als Florentine ihre Mutter bittet, bei Eis und Schnee die Lackpumps mit den Fellstiefeln zu tauschen, sagt die 91-jährige Ida: „Die Stiefel machen aber keinen schlanken Fuß.“

Manchmal werden die drei Bände Jahrhundert Trilogie genannt. Wenn man gerade „Das achte Leben“ gelesen hat, berührt einen das etwas merkwürdig. Dies ist nette Unterhaltung mit geschichtlichem und gesellschaftspolitischem Beiwerk. Auch Carmen Korn verknüpft sehr geschickt persönliche Schicksale mit dem Zeitgeschehen. Und was ich sehr schätze: Man spaziert in Gedanken immer mit durch die Hamburger Straßen, um die Alster herum und an der Elbe entlang. Fazit: Alle drei Bände lesen sich wunderbar, es ist Wohlfühl-Literatur. 

„Das achte Leben“, von Nino Haratischwili

Was für ein Werk! Phänomenal, phantastisch, ganz besonders! Es übt einen unwiderstehlichen Sog aus. Je weiter man vordringt, desto intensiver, desto spannender, desto unglaublicher, desto erschütternder wird es. Erzählt wird die Geschichte der georgischen Familie Jaschi über sechs Generationen. „Das achte Leben“ ist aber noch viel mehr als eine Familiengeschichte – es ist ein großer historischer Roman, denn die Geschichte dieser Familie ist auch die Geschichte des europäischen Jahrhunderts, vornehmlich Georgiens und des Ostblocks. Die Zeitbezüge machen es also zusätzlich informativ und spannend. Acht Leben werden ausgebreitet. Acht Leben, die eingebettet werden in das Gesamtwerk wie die Fäden in einen Teppich, jedes hat es wirklich in sich, jedes einzelne ist durch bewegende Ereignisse geprägt. Jede Figur ist mit allergrößter Sorgfalt und Intensität gestaltet, es sind alles ganz besondere Persönlichkeiten mit teilweise abstrusen Gewohnheiten und Charakterzügen. Die Zahl Acht im Titel weist darauf hin, dass alle Ereignisse miteinander verbunden sind. Derer gibt es auf 1300 Seiten nicht gerade wenige … Aber immer wieder streut die Erzählerin ihre Betrachtungen über die Zusammenhänge ein, so dass man als Leser die Orientierung behält. Zigmal habe ich aber auch den in der hinteren Klappe abgebildeten, äußerst hilfreichen Stammbaum der Familie Jaschi nachgeschlagen und mir die Verwandtschaftsverhältnisse vor Augen geführt. 

Das Buch ist süffig geschrieben, immer wieder baut die Autorin Cliffhanger ein. So kostet zum Beispiel immer wieder ein Familienmitglied von dem unglaublichen, nach einem Geheimrezept zubereiteten heißen Schokoladen-Trunk, und jedes Mal fragt man sich, ist es wirklich wahr, liegt tatsächlich ein Fluch auf der Schokolade?

Manchmal ist es mir im Ablauf der irren Ereignisse ein Zufall zu viel oder ein bisschen zu dick aufgetragen, aber es vermag den Gesamteindruck nicht zu trüben. Empfohlen wurde es mir vor geraumer Zeit, aber bisher hatten mich die knapp 1300 Seiten zögern lassen. Nun habe ich es geschenkt bekommen und verschlungen. Das Ende ist einfach wunderbar – alles fügt sich zusammen, und es gelingt der Autorin mit einem Kunstgriff, den Leser weiterdenken zu lassen, sie ermuntert ihn, die Geschichte im Kopf weiterzuschreiben, weiter am Teppich zu weben. Zeit nehmen und eintauchen!

Praktische Tipps für Hallux OP

Ich bin vor kurzem am Hallux operiert worden, und da ich inzwischen weiß, wie viele Frauen bzw. Menschen mit dem Hallux Probleme haben und sich fragen, ob sie sich operieren lassen sollen, habe ich ein paar wichtige Erkenntnisse und (hoffentlich) wertvolle Tipps aufgeschrieben.

Phase 1, Rund um die OP (mein Befund: mittelschwer, OP nach Chevron). Da man nach der OP in der Regel für mehrere Wochen sehr immobil ist, sollte man seeehr gründlich vorbereitet sein und ein paar  Wochen voraus denken: Termine und Erledigungen aller Art vorziehen, ausreichend Lesestoff besorgen, Lebensmittel einlagern, vorkochen und einfrieren. Unbedingt Hilfe organisieren für die ersten beiden Wochen. Schon vor der OP Termine für Physiotherapie und/oder Lymphdrainage vereinbaren, da man auf diese Termine sehr lange warten muss.

Vor und nach der OP drei Tage lang Arnica C 30 nehmen, das hilft bei der Wundheilung. Wer Magenprobleme hat und das übliche Schmerzmittel Ibuprofen nicht gut verträgt: Man kann sich auch Novalgin geben lassen. Das hilft allerdings nur gegen die Schmerzen, während Ibu gegen Schmerzen und Entzündung eingesetzt wird. Die bei Einnahme von Ibu empfohlenen, aber nicht unumstrittenen Säureblocker,  kann man ggfls. auch mit Heilerde ersetzen.

Mitnehmen ins Krankenhaus: Eine bequeme, am Fuß weite Hose, ein kleines Handtuch, zu essen und zu trinken, Lesestoff und den verordneten Entlastungsschuh, evtl. auch Krücken. Unbedingt für den anderen Fuß einen Ausgleichsschuh im Sanitätshaus besorgen! Kein Arzt hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es diesen Ausgleichsschuh gibt, und die Kasse zahlt die 38,50 Euro nicht, aber dies ist der wichtigste Tipp überhaupt! Der Entlastungsschuh für den operierten Fuß hat nämlich eine sehr dicke Sohle, so dass man ohne den Ausgleichsschuh einen heftigen Schiefstand hätte. Die Investition lohnt sich! Vor der (ambulanten) OP zuhause neben dem Sessel oder der Couch  alles deponieren, was man hinterher gerne in der Nähe haben möchte – Schreibkram, Bücher, Zeitschriften, Getränke, Taschentücher, Telefon, Kalender, Fernbedienung – damit man nicht ständig um irgendetwas bitten muss. Direkt nach der OP soll und will  😉  man sich am besten überhaupt nicht bewegen.

Tja, und dann strikt den Anweisungen folgen: Möglichst wenig gehen, wenn, dann ausschließlich mit Entlastungsschuh, hochlegen, täglich ca. 5 x für 20 Minuten kühlen mit kleinen weichen Kühlpads, die man in ein Handtuch wickelt. Oder mit Tiefkühlerbsen. Nach dem Fäden ziehen den Fuß mit Narbensalbe eincremen; es ist nicht wissenschaftlich erwiesen, dass das hilft, aber auf jeden Fall ist es sehr angenehm, es macht den Fuß geschmeidiger. Ein Duschhocker erleichtert das Duschen (Duschen ist erst nach dem Fäden ziehen erlaubt).

Viel sitzen und liegen klingt erst mal sehr gemütlich, hat es aber durchaus in sich. Ich habe mir ein Schaffell für den schmerzenden Hintern besorgt und immer wieder diese Übung gemacht: Pobacken mit gedachter Münze dazwischen anspannen. Generell ist Gymnastik sinnvoll, für den Kreislauf und damit nicht alles aus dem Lot gerät. Alles, was den Fuß nicht belastet, ist erlaubt: Fahrrad fahren in der Luft, Bauchmuskelübungen, Rücken mobilisieren etc. Und die Zehen sollen auch selbsttätig bewegt werden. Zu diesen Themen unbedingt den Arzt löchern! Ganz wichtig: viel Zeit einplanen – es dauert alles viel länger als sonst – waschen, duschen, anziehen, die Wege zwischen Bett, Bad und Sessel.

Und: Auf Rückschläge gefasst sein! Bei mir lief alles super, aber in der dritten Woche schwoll mein Fuß auf einmal sehr an und schmerzte. Schwellungen sind normal, aber ich hatte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr damit gerechnet und war irritiert. Umschläge mit Retterspitz sind gut. Geholfen hat mir eine Aussage, die ich auf einem sehr guten Blog gefunden habe: „Der Zeh nimmt es übel, dass er nun eine neue Richtung einschlagen soll.“ (draufgaengerin.de.  https://www.draufgaengerin.de/weil-kein-schuh-mehr-passt-hallux-valgus-operation/#more-3992). Man sollte es sich so nett wie möglich machen – ein spannendes Buch und eine fesselnde TV-Serie helfen ungemein. Und sich drauf einlassen, mal aus dem Hamsterrad auszusteigen und die Ruhe anzunehmen. Auch wenn es eine erzwungene Ruhe mit einigen unangenehmen Begleiterscheinungen ist …

In einer Woche beginnt die nächste Phase, dann sind vier Wochen rum, es wird geröntgt und entschieden, ob ich den Entlastungsschuh noch weiter tragen muss und ob ich dann etwas weitere Kreise ziehen darf beim Humpeln. Dann startet auch die Physiotherapie. Sollten sich noch wichtige Erkenntnisse ergeben, werde ich berichten. Wer Fragen hat an mich – nur zu!

„Menschenkind“, von Toni Morrison

Was für ein Buch! Genauso sehr wie der Inhalt beschäftigen mich viele Fragen: Hätte ich dieses Buch auch gelesen, wenn Toni Morrison nicht den Pulitzer-Preis dafür bekommen hätte, wenn es nicht von einer Nobelpreisträgerin geschrieben worden wäre? Warum habe ich mich so schwer damit getan – zumindest phasenweise? Will ich mich nicht mehr anstrengen? Bin ich zu ungeduldig? Liegt es am Mystischen?

Die Geschichte erzählt von der ehemaligen Sklavin Sethe, die sich, hochschwanger, aus der Gefangenschaft befreien kann, und mit ihren drei bzw. vier Kindern bei ihrer Schwiegermutter unterkommt. Als die Geschichte einsetzt, lebt sie nur noch mit einem Kind zusammen. Ihre beiden halbwüchsigen Söhne sind auf und davon, ihre kleine Tochter lebt nicht mehr. Ihren Tod kann Sethe nicht verwinden. Der Geist des kleinen Mädchens spukt in ihrem Haus.

Morrison entrollt langsam, in vielen Rückblenden, Sethes langen Leidensweg. Dabei beschreibt sie nicht nur die von den Sklaven tagtäglich erlittenen Grausamkeiten, sondern führt eindringlich vor Augen, wie sich der Verlust der Freiheit für diese Menschen anfühlt. Sie schreibt so, dass einem permanent Bilder vor Augen kommen (ich musste häufig an den Film „Die Farbe Lila“ denken), man hört die Geräusche und Gesänge, hat die Gerüche in der Nase. Morrison schreibt poetisch, zart und gleichsam schwingend auf der einen Seite, aber auch zupackend und mit unerbittlicher Härte und Genauigkeit auf der anderen. Gleichzeitig lässt sie vieles in der Schwebe und nicht alles Verwirrende löst sich auf. Im Netz gibt es den Tipp, das Buch zweimal zu lesen, um es besser zu verstehen – aber auch die Anmerkung, wer will so ein schwieriges Buch denn gleich zweimal hintereinander lesen …

Aber dennoch: Das Buch ist auf jeden Fall sehr sehr lesenswert, man sollte sich Zeit dafür nehmen! Und es ist ein Buch, das sich gut für einen Lesezirkel eignet, denn im Gespräch mit anderen durchdringt man die Geschichte bestimmt besser, und erfahrungsgemäß beschäftigen jeden Leser andere Aspekte.

„Unser allerbestes Jahr“, von David Gilmour

„Jeder, der Eltern oder Kind ist oder jemals im Kino war, wird dieses Buch lieben“, schreibt Newsweek zu diesem autobiografischen Roman. Also ein Lieblingsbuch für jeden? So weit würde ich nicht gehen. Aber wer ein Faible fürs Kino hat und/oder die Nöte kennt, die ein die Schule verweigernder Jugendlicher seinen Eltern bereitet, wird großen Gefallen an dieser Geschichte finden. Der Autor erzählt, wie er mit der Schulkrise seines Sohns Jesse umgegangen ist. Die Lage ist ernst, denn Jesse hasst die Schule und die völlige Ablehnung ist nur noch eine Frage der Zeit. Der Vater schlägt seinem Sohn einen ungewöhnlichen Handel vor: Keine Schule mehr und kein Zwang, Geld zu verdienen, Kost und Logis zuhause sind frei unter einer Bedingung: Jesse muss mit seinem Vater zusammen drei Filme in der Woche anschauen, daheim. Nach ungläubigem Staunen willigt der Sohn ein.

Vater und Sohn beginnen mit ihrem Filmprogramm: Als Einstieg schauen sie Sie küssten und sie schlugen ihn, ein autobiografischer Blick auf Truffauts schwierige Jugend als Schulverweigerer. Es geht weiter mit Klassikern wie Basic InstinctCitizen Kane, Giganten, mit vielen Hitchcock-Werken wie BerüchtigtDie Vögel und Psycho. Immer wieder macht der Vater den Sohn auf besondere Szenen, berühmte Dialoge und auf Eigenheiten der Regisseure  und filmische Tricks aufmerksam. Ich kannte längst nicht alle Filme, aber bei denen, die ich gesehen habe, fand ich diese zusätzlichen Informationen sehr aufschlussreich und spannend. Und bei den mir unbekannten Filmen bekam ich Lust, sie mir anzusehen.

Aber das Filmprogramm ist nur der eine Teil der Geschichte. Der Vater erzählt von wunderbaren Stunden mit seinem Sohn, aber auch von seinen immer wieder kehrenden Zweifeln, ob es das Richtige ist, was er da tut. „Aber was ist, wenn sich nichts tut, wenn ich ihn in einen Brunnen geworfen habe, von dem es keinen Ausweg gibt (…) ?“ „Was ist, wenn ich mich irre? Was ist, wenn ich auf Kosten meines Sohnes cool bin und ihm erlaube, sein Leben zu ruinieren?“ Hinzu kommt: Jesse erlebt seine ersten Herz-Schmerz-Liebesgeschichten, und auch das ist für den Vater ein großer Balance-Akt. Wann reden, wann einfach nur die Klappe halten und zuhören? Und auch der Vater hat zu kämpfen, weil er sich in einer sehr schwierigen Jobsituation befindet. (Allerdings verschafft ihm das auch die Zeit für das Filmprojekt.) Wir begleiten Vater und Sohn durch dieses Jahr und lieben und leiden mit beiden – und treffen uns immer wieder mit ihnen auf der heimischen Kino-Couch. Gute Unterhaltung mit viel Inspiration zum Filme gucken und Stoff zum Nachdenken über die schwierigen Zeiten in der Eltern-Kind-Beziehung.

„Was man von hier aus sehen kann“, von Mariana Leky

Ein Dorf im Westerwald und seine skurrilen Bewohner – das sind die Protagonisten dieser herzerwärmenden Geschichte. Da gibt es Selma, die aussieht wie Rudi Carrell und der im Traum manchmal ein Okapi erscheint – das bedeutet, dass am nächsten Tag jemand im Dorf stirbt. Wer, weiß man natürlich nicht. So löst Selmas Traum vom Okapi jedes Mal hektische Aktivitäten aus: Beichten, Geständnisse, Schwüre, gute Vorsätze. Der Optiker liebt Selma, traut sich aber nicht, ihr seine Liebe zu gestehen, weil seine inneren Stimmen es immer wieder schaffen, ihn davon abzuhalten. Selmas Enkelin Luise ist die Ich-Erzählerin, sie verbindet mit dem gleichaltrigen Martin eine Freundschaft von unglaublicher Intensität, die originell beschrieben wird: „Martin übte schon seit dem Kindergarten Gewichtheben und ich war das einzige Gewicht, das immer greifbar war und sich anstandslos hochheben ließ.“ Luises Vater meint, ständig in der Welt herumreisen zu müssen; Luises Mutter trägt jahrelang eine unglaublich schwere Frage mit sich herum. Auch Martin hat einen Vater, der sich nicht wirklich kümmert. Selma und der Optiker, diese herzensguten Menschen sind es, die den beiden Kindern die Welt nahebringen. Auch die anderen Dorfbewohner wachsen einem mit ihren Nöten und Marotten schnell ans Herz.

Und eines Tages taucht Frederik auf, ein Hesse, der sich in ein buddhistisches Kloster in Japan zurückgezogen hat und nur ausnahmsweise in Deutschland ist. Luise und er begegnen sich, und ab da nimmt der Roman Fahrt auf. Im ersten Teil hatte ich etwas Schwierigkeiten, mit den vielen Menschen klarzukommen. Alle Personen werden ausführlich vorgestellt und so fühlte es sich zu Beginn an wie lauter einzelne Geschichten. Aber im zweiten Teil vernetzt sich alles, und ab dann war ich auch wirklich „drin“ und habe es sehr genossen.

Leky erzählt auf eine ganz besondere Art und Weise, lakonisch, originell und witzig, und immer ganz nah dran an ihren Figuren. Köstlich, wie sie den Kampf des Optikers mit seinen inneren Stimmen beschreibt und herrlich die Szene, wie Frederik ihn auf unkonventionelle Art und Weise davon heilt – na, nicht ganz, aber fast. Traurige Szenen sind mit unglaublicher Intensität dargestellt und lassen den Leser teilhaben an den von echter Menschlichkeit getragenen Beziehungen zwischen den Dorfbewohnern. Ein sehr, sehr  kluges und sehr schönes Buch!