Abendrot, Kent Haruf

Mitfühlend, warmherzig, und auf eine zutiefst menschliche Art beschreibt Haruf die Lebenswege der Bewohner einer fiktiven Kleinstadt in Colorado. Niemand hat hier ein einfaches Schicksal. Da gibt es zwei alte Viehzüchter, die erst den Weggang ihrer Ziehtochter verkraften müssen und für die es dann noch viel dicker kommt. Ein Ehepaar haust mit seinen beiden Kindern in einem heruntergekommenen Trailer und bemüht sich nach Kräften, aber doch stets am Rande der Überforderung, gut für diese Kinder zu sorgen. Ein elfjähriger Junge lebt allein mit seinem kranken Großvater und kümmert sich rührend um ihn. Eine von ihrem Mann verlassene Frau kämpft für sich und ihre Töchter um ein würdiges Leben. 

Haruf bildet die Realität ab, das Leben dieser Menschen, und wir sind mittendrin bei den Figuren, verfolgen ihr Schicksal, leiden und hoffen mit ihnen. Manche Passagen sind schwer zu ertragen, man wünscht sich so sehr, dass das Leben gnädig sein möge und muss doch lesen, wie es weiter bergab geht. Aber immer wieder gibt es auch Hoffnung, Mitmenschlichkeit und sozialen Zusammenhalt. Und ganz ohne Trost entlässt Haruf uns nicht. 

Das meiste ist in einer schnörkellosen, fast kargen Sprache geschrieben, die aber immer wieder mal von langen Passagen mit detaillierten Tätigkeitsbeschreibungen unterbrochen wird. Ein zu Beginn gewöhnungsbedürftiger Schreibstil, der aber schnell einen großen Sog entwickelt und eine große Intensität. Man bleibt dran, man will wissen, was mit den Figuren passiert. Berührt und beeindruckt habe ich dieses Buch aus der Hand gelegt. Den Autor werde ich mir merken.

Die Unzertrennlichen, Simone de Beauvoir 

Erschüttert habe ich dieses Buch zugeklappt. Es geht in dem autofiktionalen Roman um gesellschaftliche Etikette zu Beginn des 20. Jahrhunderts, um den Druck der Familie, das rigide Religionsverständnis, den Umgang mit Frauen, der ihnen jegliche eigene Wünsche untersagte und sie brutal unterdrückte.

Das schmale Büchlein enthält neben dem Text auch Fotos und Briefe; erzählt wird die Geschichte einer sehr engen Frauenfreundschaft, die 1919 beginnt, als die beiden Mädchen Sylvie und Andrée mit neun Jahren in der Schule aufeinander treffen. Sylvie (Simone de Beauvoir) entwickelt eine schwärmerische Zuneigung für Andrée (Kosename Zaza). Sylvie alias Simone wächst sehr behütet auf, es gelingt ihr aber, sich aus der für Frauen vorgesehenen Rolle  – Heirat, tugendhaftes Leben als Hausfrau und Mutter – zu befreien. 

Andrée stammt aus einer kinderreichen Familie; sie nimmt sich zu Beginn mehr Freiheiten heraus als ihre Freundin Sylvie/Simone, sie ist die Leidenschaftlichere der beiden, die Impulsive. Aber sie leidet zunehmend unter den an sie gestellten Erwartungen. So begehrt sie einesteils gegen ihr streng katholisches Elternhaus auf, in dem Gehorsam gegen Gott erwartet wird und in dem Küsse vor der Ehe verboten sind. Andererseits möchte sie ihre Eltern, vor allem ihre Mutter, keinesfalls enttäuschen. Im ständig wachsenden Zwiespalt zwischen ihren Idealen und Wünschen einerseits und dem auferlegten Rollendruck und der verlogenen Tugendhaftigkeit andererseits, zerreibt Andrée sich zunehmend. Sylvie alias Simone sieht entsetzt zu und findet keinen Weg, um der Freundin zu helfen.

Beauvoirs Lebenspartner Sartre hielt das Manuskript für zu intim für eine Veröffentlichung. Mehr als 30 Jahre nach Beauvoirs Tod kam es in Deutschland auf den Markt. Ich finde es sehr interessant, denn darüber erschließt sich auch ein Verständnis für de Beauvoirs weiteren Lebensweg und die Bücher, die sie geschrieben hat. Und wieder einmal bin ich dankbar, in einer für uns Frauen schon deutlich leichteren Zeit geboren und aufgewachsen zu sein. 

Wozu das alles?, Christian Uhle

Eine anregende und gewinnbringende Lektüre! Mit Philosophie verbindet man gemeinhin schwere Kost, aber Uhle nimmt uns auf eine leicht verständliche Reise nach dem Sinn des Lebens mit. Immer wieder flicht der Autor eigene Erfahrungen ein, dadurch wirken seine Erkenntnisse aktuell und lebensnah. Aber seine Überlegungen sind auch durchaus wissenschaftlich fundiert, berühren auch Psychologie, Soziologie und Ökonomie. So stellt er fest, in reichen Ländern sind Sinnkrisen viel häufiger als in ärmeren. Unser Streben nach Höher, Weiter, Schneller, Besser, Mehr ist auf jeden Fall nicht die Lösung. Das ist uns ja eigentlich längst klar, aber er belegt es sehr gut.

Das Buch ist keine Ratgeberliteratur, aber dennoch findet man Antworten und wertvolle Hinweise. Eine wichtige Botschaft von ihm: Lasst uns lieber die Frage nach einem sinnvollen Leben stellen als die Frage nach dem Sinn des Lebens. Seine Kernaussage: Sinn ist immer dazwischen. Zwischen Menschen. Antworten entstehen im Dialog. So sagt er: Leute spielt, berührt euch, verbindet euch – wir brauchen einander, wir brauchen das Subjekt, das zuhört: Man muss sich zeigen, um gesehen zu werden, sich erklären, um verstanden zu werden, Nähe zulassen, um gespürt zu werden.

Im mittleren Teil ist das knapp 500 Seiten umfassende Werk manchmal etwas ermüdend. Botschaften und Erkenntnisse wiederholen sich, wenn auch leicht abgewandelt, weil er sich den verschiedenen Themen immer wieder aus anderen Richtungen nähert. Dadurch wird aber auch vieles vertieft. 

Irgendwo habe ich gelesen, bei einem Philosophiebuch quält sich entweder der Autor oder der Leser. Mit diesem Buch hat der Autor, wie er selbst sagt, viele Stunden seines Lebens verbracht, bestimmt auch qualvolle. Aber sehr sinnvolle Stunden für uns Leser, danke! Absolut empfehlenswert!

Einer von euch, B. Schweinsteiger, Martin Suter 

Suter ist ein sehr bekannter und erfolgreicher Romanautor, ein „Romancier“, wie er sich selbst bezeichnet. So jemand schreibt eine Biografie über einen Fußballstar? Obwohl ich Fußballfan bin, Schweinsteiger und Suter mag, hatte ich dennoch Zweifel. Und fragte mich, was ist eigentlich ein biografischer Roman? Er erzählt „Wahres und fast Wahres“ und ist „faktengetreu, aber mit literarischer Freiheit geschrieben“. Kann das funktionieren?

Die sehr kurzen Abschnitte innerhalb der insgesamt sieben Kapitel sind anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, gleichzeitig machen sie aber auch die Lektüre leicht verdaulich. So rutscht man leichtfüßig 😉 in das Leben des Fußballstars hinein. Schweinsteiger ist in Oberbayern geboren und natürlich spielt er beim FC Bayern (nicht mein Verein …). Man kann aber nachvollziehen, warum er sich dort und in seinen Wohnvierteln in München so wohlfühlt. Selbstverständlich tauchen bekannte Personen auf, die seinen Weg beeinflusst haben – Uli Hoeneß, Oli Kahn, Mull (Müller-Wohlfahrt) und Kollegen wie Badstuber und Neuer. Nicht alle Trainer, unter denen Schweinsteiger spielte, waren ihm durchgängig wohlgesonnen. Bei Magath (das ist der mit den Medizinbällen) und Mourinho (Trainer der Roten Teufel) musste Basti zeitweise hart um sein Standing und seinen Platz im Team kämpfen.

Natürlich geht es auch um das immer krassere „Drumherum“ im Fußball: Um die Rolle der Berater, die das große Geld wittern, die unerbittlichen Medien, die einen Fußballspieler an einem Tag in den Himmel loben und am anderen in Grund und Boden schreiben. Und um die unglaublichen Gehälter, die Luxusquartiere, in denen die Spieler sich auf Turniere vorbereiten, den ganzen Reichtum, von dem die Spieler umgeben sind. (Suter schreibt mit Wohlwollen, wie er es in einem FAZ-Interview sagte.) Aber auch die vielen Nackenschläge in Form von immer wieder auftretenden Verletzungen und mühsamen Heilungsprozessen sind Thema, die man als Zuschauer nur am Rande mitbekommt, und die man bei all dem Glamour, der die Fußballstars umgibt, allzu leicht vergisst. 

Dennoch liest sich die Geschichte über weite Strecken wie ein Märchen, vor allem natürlich, wie Basti und Ana Ivanovic, der berühmte Fußballer und die berühmte Tennisspielerin sich gefunden haben. Nettes Schmankerl: Kleine schwarzweiße Fußbälle stehen über den kurzen Text-Abschnitten, kleine Tennisbälle, wenn es um Ana geht. Und ein Fußball und ein Tennisball, wenn es um die beiden geht. Das kommt gegen Ende häufiger vor 😉

Bei seiner emotionalen Verabschiedung im Jahr 2018 sagte Bastian Schweinsteiger: „Ich bin einer von euch.“ Das leistet dieses Buch, dass man ihm das abnimmt. Ich habe es insgesamt gerne gelesen.

Zur See, Dörte Hansen

Für Inselliebhaber und eingefleischte Meerfans ein Muss, und für alle Fans von Dörte Hansen auch!

War es bisher bei Hansen das Dorf, das langsam dem Wandel der Zeit zum Opfer fällt, so ist es hier das Leben auf der Insel, das sich unaufhaltsam ändert. Verdrängt werden die alteingesessenen Insulaner von den Fremden, die vom Inselleben träumen, Reetdach-Häuser erwerben, schick umkrempeln, und nach der ersten Begeisterung nur noch ab und an kommen. Und die sich nicht um alte Traditionen scheren. Und natürlich von den Touristen, die in Scharen mit den Fähren einfallen, so dass die Inselbewohner sich an die Tagesränder zurückziehen.

Im Mittelpunkt steht die Familie Sander, der das schönste Haus der Insel gehört, das Kapitänshaus – eine Touristenattraktion. Einen Kapitän gibt es aber nicht mehr in dem Haus, stattdessen zwei Erwachsene und drei Kinder, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, jeder geht seiner eigenen Wege. Auch der Inselpastor als weitere zentrale Figur trägt sein (Ehe-) Päckchen. Und mittendrin gibt es einen gestrandeten Wal, der vieles in Bewegung bringt, auch in der Familie Sander. 

Schon nach wenigen Sätzen ist man auf dem Weg zu einer Nordseeinsel „irgendwo in Jütland, Friesland oder Zeeland“. Man spürt den heulenden Sturm, die salzige Seeluft, das Kopfsteinpflaster unter den Füßen, hört das Klappern der Pferdehufe. Gesprochen wird nicht viel in diesem Roman, Figuren werden nacheinander, erst namenlos, ins Geschehen geschoben. Und doch hat man sehr schnell ein genaues Bild von den Bewohnern und ist gefangen von dieser ganz besonderen Insel-Atmosphäre. Das ist die große Kunst der Dörte Hansen, uns mit wunderschönen, wohl gesetzten Worten, zu verzaubern. Das ist dieses Mal fragmentarischer als ihre anderen Romane, anfangs vermisste ich etwas die durchgehende Geschichte, aber es passt unglaublich gut zu dem, was sie erzählt. Beeindruckend und berührend.

Anmerkung zum Schauplatz: Angeblich hat Hansen die Insel gemischt, ein wenig Sylt, ein wenig Norderney, ein wenig Langeoog und ein wenig Amrum. Auf jeden Fall gibt es Autos auf der Insel. Und dennoch war ich im Geist durchgängig auf der autofreien Insel Spiekeroog. Ich kenne fast alle ost- und nordfriesischen Inseln, auf Spiekeroog spürt man noch am ehesten den Geist der alten Zeit, deshalb habe ich es wohl dort verortet.

Der Papierpalast, Miranda Cowley Heller 

Ein echter Pageturner ist dieses Buch. Wer also gerne fesselnde Geschichten liest, ist hier richtig. Das Cover ist wunderschön, das Buch steht auf den Bestsellerlisten. Ein Aber gibt es trotzdem von meiner Seite. 

Eine Frau steht zwischen zwei Männern – „Jonas ist animalisch, Peter ist mineralisch“ – so beschreibt die Ich-Erzählerin Elle die beiden Männer, zwischen denen sie sich entscheiden muss. Der Roman pendelt zwischen ihrem heutigem Leben als Fünfzigjährige, und ihren Jahren als Kind und junge Frau. Langsam entfaltet Elle ihr Leben, dabei werden im Verlauf der Jahre unglaubliche Dramen und Geheimnisse enthüllt. Gleichzeitig bewegt sich die Geschichte unaufhaltsam auf den Tag der Entscheidung im Jetzt zu.

Die Rückblicke offenbaren schwierige familiäre Verhältnisse. Die Ereignisse werden mit einer gewissen kühlen Distanz geschildert; fast wirkt es so, als könnten sie um der Spannung willen nicht krass genug sein. Ist das typisch amerikanisch? Oder Cowley Hellers Job als Drama-Serien-Entwicklerin geschuldet? Nicht die Dramen an sich haben mich so irritiert, sondern diese Nüchternheit im Erzählen fand ich befremdlich. 

Aber die Geschichte ist wirklich spannend, sehr süffig geschrieben, und auch trockener Humor kommt nicht zu kurz. Den Zeitsprüngen zu folgen, und die vielen verschiedenen Namen zuzuordnen ist nicht immer ganz einfach. Die Sprache ist manchmal sehr vulgär, auch das empfand ich als unnötig reißerisch. 

Fazit: gute und sehr spannende Unterhaltung. Ich hätte mir etwas mehr Tiefgang und emotionale Wärme gewünscht. 

Der große Sommer, Ewald Arenz

Das ist eins von diesen Büchern, die ich traurig zuklappe – traurig, weil es zu Ende ist und ich mich frage, wann ich wieder so ein Buch finden werde, das mich so berührt, das so vieles in mir zum Klingen bringt. 

Der Protagonist Frieder geht als gealterter Mann über den Friedhof und sucht nach einem Grab. Und währenddessen erinnert er sich an diesen ganz besonderen Sommer, den großen Sommer: Als 17-jähriger muss er in den großen Ferien für die Nachprüfungen in Mathe und Latein büffeln. Anstatt mit seiner Familie in den Urlaub zu fahren, wird er zum strengen Großvater geschickt. Es wird ein ganz besonderer Sommer für ihn, denn er erlebt nicht nur seine erste Liebe, sondern er begegnet auch erstmals dem Tod. Er erfährt neue Dimensionen von Freundschaft, erkennt die Bedeutung von Respekt und Vertrauen. Und an seinem Großvater, einer überaus schillernden Person, lernt er ganz neue Seiten kennen, ebenso wie an seiner Großmutter. Das klingt vielleicht nach einem Jugendroman, aber es ist noch so viel mehr darin. Und der Roman ist auch durchaus spannend – so fragt man sich, wessen Grab der inzwischen erwachsene Frieder immer wieder aufsucht. 

In einer wunderschönen, manchmal geradezu poetischen Sprache, erzählt Arenz die Geschichte, lässt uns teilhaben an Frieders vielfältigen Sinneseindrücken. Wir erleben mit ihm die Besonderheit dieses flirrenden Sommers, aber auch den Hauch des langsam nahenden Herbstes. Schon Alte Sorten des Autors hatte mir sehr gut gefallen. Arenz hat ein gutes Gespür für Zwischentöne und für die kleinen und großen Dinge, die ein Leben ausmachen.

Südlich vom Ende der Welt, mein Jahr in der Antarktis, Carmen Possnig

Mit zwölf weiteren Menschen, Wissenschaftlern, Forschern, Technikern und Support-Personal, verbringt die junge Autorin ein Jahr in der Antarktis, in der Forschungsstation Concordia. Unter irren Bedingungen: Die Temperaturen gehen im Winter bis auf -80° Grad herunter, im Sommer gibt es zwischen -30 und -45° Grad. Die Station liegt auf 3.800 m Höhe, das bedeutet Höhenkrankheit und Sauerstoffmangel. Im Mai geht die Sonne ein letztes Mal unter und taucht erst Mitte August wieder auf. Da es im Winter unmöglich ist, dort ein Flugzeug zu landen, ist eine Evakuierung über Monate ausgeschlossen. 

Possnig hat den Auftrag, zu erforschen, wie sich der Mensch an die Extrembedingungen anpasst. Das sind zum einen medizinische Erkenntnisse, zum anderen geht es natürlich darum, wie kommen die Menschen psychisch mit der Isolation und den ganzen anderen Herausforderungen zurecht? Wie verändern sich die motorischen und kognitiven Fähigkeiten in der Zeit des Eingesperrtseins? Es ist ja eine Zeit der sensorischen Deprivation, es fehlen lebensnotwendige Sinneseindrücke. Was macht das mit jedem Einzelnen? Und wie entwickelt sich die Gruppendynamik einer zusammengewürfelten Truppe (11 Männer, 2 Frauen) unter solch extremen Bedingungen? 

Die Antarktis hat einen Hang zu Superlativen: Nicht nur die Temperaturen, sondern auch unsere Emotionen, Reaktionen aufeinander, sind im Extremen beheimatet. Bemerken tun wir das zwar hauptsächlich an unserem Gegenüber, natürlich ist aber jeder von uns davon betroffen. Auch ich. 

Zwar lässt die Autorin immer wieder anklingen, dass es reichlich Konflikte gibt, sie bleibt dabei aber leider meist ziemlich im Vagen. Es ist offensichtlich, dass sie dieses Jahr unglaublich genossen hat, sie bedauert das Ende der Isolation. Aber einigen ihrer Kollegen ist es wohl deutlich anders ergangen, und sie sind heilfroh, die Station wieder verlassen zu können. Ich hatte das Gefühl, nur über die Spitze des Eisbergs gelesen zu haben, was die Schwierigkeiten in diesem Jahr anbelangt. Aber ich bin voller Respekt und Ehrfurcht vor dem Mut und dem Engagement dieser Menschen; ich habe viel über die Antarktis gelernt, immer wieder die großartigen Fotos angeschaut und ein Leseerlebnis der besonderen Art genossen.

Ich hätte nicht zu diesem Buch gegriffen, wenn es mir nicht empfohlen worden wäre. Danke an Wolter für den Tipp!

Der Brand, Daniela Krien

Daniela Krien wird für ihre „psychologisch klugen Romane“ gelobt. In diesem Buch geht es um ein seit dreißig Jahren verheiratetes Ehepaar, das sich in einer Krise befindet, einer Art Stillstand. Die Sexualität ist eingeschlafen, die Beziehung zur Tochter ist äußerst schwierig. Und dann platzt aufgrund eines Brands auch noch der in Kürze bevorstehende, akribisch vorbereitete Wander-Urlaub auf einer Hütte in Oberbayern. 

Das Buch ist aus Sicht der Ehefrau Rahel geschrieben: Wäre das Ganze vor zehn Jahren passiert, hätten sie gemeinsam den Kopf darüber geschüttelt. „Wer weiß, wofür es gut ist …“, hätte Peter vermutlich gesagt und sie getröstet. Doch die Gelassenheit war ihm abhandengekommen. Sein feiner Humor kippt nun öfter ins Zynische, und an die Stelle ihrer lebhaften Gespräche ist eine distinguierte Freundlichkeit getreten. Damit einhergehend – und das ist das Schlimmste – hat er aufgehört, mit ihr zu schlafen.

Die Enttäuschung sitzt tief bei Rahel. Doch dann bittet eine gute Freundin das Paar um Hilfe und so kommt es, dass das Ehepaar anstatt des Hüttenurlaubs spontan drei Wochen lang einen einsamen Bauernhof in der Uckermark nebst altersschwachen Tieren hütet. Wie unter einem Brennglas treten die Konflikte in der abgeschotteten Umgebung zutage. Die Autorin schaut genau hin: Die Spannungen in der Beziehung und im Verhältnis zur Tochter werden mit präziser Beobachtung herausgearbeitet und für den Leser stets nachfühlbar beschrieben. Die Geschichte ist unspektakulär, aber niemals langweilig. Der Stil ist schlicht, knapp und dennoch eindringlich. Man wünscht dem Paar eine Zukunft und dem Verhältnis zur Tochter eine positive Wendung, kann aber nicht sicher sein, dass es dazu kommt.

Dörte Hansen, Mittagsstunde

Die Mittagsstunde ist den Dorfbewohnern in kleinen Brunkebüll im Norden Deutschlands heilig. Da wird geruht, im Bett, auf der Eckbank oder im Sessel. Zumindest so lange die Welt noch in Ordnung ist auf dem Land – vor der großen Flurbereinigung, und bevor die Städter kommen und mit ihnen endgültig moderne Zeiten Einzug halten. Auch für heimliche Besuche ist die Mittagstunde gut.

Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen; es beschreibt in der Vergangenheit die Sechziger und Siebziger Jahre, die Jugendjahre des Protagonisten Ingwer Feddersen auf dem Dorf. In der Gegenwart kehrt Ingwer, de Jung, vorübergehend zurück, um seine alten Eltern, Mudder und Vadder, zu unterstützen. Die besitzen einen Gasthof, der schwer in die Jahre gekommen ist. „Man musste kein Schöngeist sein, um im Brinkebüller Gasthof auf den Hund zu kommen. Es reichte schon, wenn man eine Zeitlang etwas anderes gesehen hatte, (…) irgendeine Art von menschgemachter Schönheit. Er fühlte sich der Hässlichkeit des Brinkebüller Saals nicht mehr gewachsen.“ 

Aber zu Beginn der Erzählung ist die Gastwirtschaft natürlich noch die zentrale Anlaufstelle für die Dorfbewohner und ihre vielfältigen Feste, denen sich keiner entziehen kann: Taufen, grüne, silberne und goldene Hochzeiten, runde Geburtstage und Trauerfeiern. Und die Kneipe ist Bühne für die Brinkebüll Buffalos, eine Line Dance Gruppe, deren Aussehen und Auftritte mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind und für großes Lesevergnügen gesorgt haben. Doch nach und nach verändert sich die bäuerliche Welt. Und vor den Augen des Lesers entblättert sich so manches Geheimnis. 

Skurrile Charaktere tummeln sich in der Geschichte, von ein bisschen schräg bis ziemlich verrückt. Mit trockenem Humor, sprachlicher Schärfe und großer Wärme beschreibt Hansen ihr Personal. Selbst der Dorflehrer Steensen mit seinen „großen Schuhen, die wie angebrannte Brote aussahen“und der sagt, ohne Schläge geht es nicht bei den Kindern, wächst einem im Laufe der Geschichte ans Herz! Geradezu wehmütig machen einen manche Beschreibungen des einfachen Lebens, wecken Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“, die aber natürlich genauso ihre Fallstricke hat wie die heutige. Hansen würzt das alles mit immer wieder eingestreutem Plattdeutsch, das dem Ganzen Lokalcolorit und Menschlichkeit verleiht (und immer gut zu verstehen ist). Es ist ein großes Lesevergnügen.

Seinerzeit hatte mich das erste Buch von Dörte Hansen „Altes Land“, mit dem sie sich sofort in die Bestsellerlisten geschrieben hat, gar nicht so begeistert. Die Verfilmung fand ich allerdings sehr gelungen. Nachdem mich nun der Sprachstil Hansens so gefangen genommen hat, werde ich auf jeden Fall noch einmal „Altes Land“ lesen. Anscheinend bin ich jetzt erst „reif“ für diese Art des Erzählens 😉