„Alle meine Wünsche“, von Grégoire Delacourt

Eines der ganz wenigen Bücher, die ich zweimal gelesen habe. Und das nicht nur, weil ich im Urlaub etwas zu wenig Lesestoff dabei hatte.

Beim ersten Mal habe ich die Geschichte, den Plot, verschlungen. Es geht um einen Lottogewinn; diesen Traum haben wir doch alle hin und wieder mal, oder? Dieses „Glück“ passiert einer ganz gewöhnlichen Frau, verheiratet mit einem ganz gewöhnlichen Mann, mit einem ganz gewöhnlichen Alltag. Sie ist sehr zufrieden mit ihrem Leben, wenn nicht glücklich. Der Gewinn trifft sie aus heiterem Himmel und er verändert ihr Leben fundamental. Mehr möchte ich nicht verraten, für diejenigen, die das Buch noch nicht kennen.

Beim zweiten Mal Lesen habe ich genauer hingeschaut, habe die Wörter und die Sätze auf mich wirken lassen, den Bildern, die entstehen, nachgespürt und versucht, diesem kleinen, großen Kunstwerk auf die Schliche zu kommen. Sicher, die Handlung ist bemerkenswert, so einfach wie intelligent. Aber auch die Erzählweise macht dieses kleine Büchlein (128 Seiten) zu etwas besonderem. Die verschiedenen Zeitebenen werden geschickt miteinander verwoben, die Sprache ist einfach, aber prägnant. Wichtiges Stilmittel sind die immer wieder dazwischen geschobenen kurzen Sätze: „Jemand klingelte.“ „Ich wurde ohnmächtig.“,„Meine Tränen schossen hervor. Nicht zu stillen.“ Diese „Stopper“ hindern einen daran, in eine gemütliche Erzählung einzutauchen, man ist hautnah bei der Protagonistin.

Die Summe von Story und Stil macht das Buch so besonders, so lesens- und empfehlenswert. Es klingt nach und nach und nach. Schwer vorstellbar, jemals wieder diese Geschichte zu vergessen, was mir sonst doch häufiger passiert.

Was ich ganz besonders mochte und anregend fand: „Die Listen meiner Wünsche.“

Bei den Hofer Filmtagen wurde gerade der Film „Millionen“ von Fabian Mörke vorgestellt, der sich anscheinend dem Thema sehr ähnlich nähert – den werde ich mir auf jeden Fall anschauen.

„Die hellen Tage“, von Zsuzsa Bánk

Endlich bin ich wieder auf ein Buch gestoßen, das etwas in mir zum Klingen bringt, das ich während des Lesens immer wieder sinken lasse, um den Sätzen nachzuspüren, die mich auf die eine oder andere Weise verzaubert haben. Zäh zogen und zerrten aber die ersten Zeilen und Seiten an mir, hatten ihre Mühe mich herauszuholen aus meiner durchgetakteten Alltagswelt. Es geschieht wenig, und die Sätze sind sehr, sehr lang. Erst nachdem ich diese gewisse Ungeduld (wann passiert etwas?) abgelegt hatte, konnte ich genießen – und wie!

Darum geht es: Das Leben dreier Kinder wird beschrieben, ihre keinesfalls makellosen, aber oft hellen Tage, ihr Weg ins Erwachsensein. Sie haben starke Mütter an ihrer Seite, die Väter spielen nur eine untergeordnete Rolle. Allen voran ist es Évi, die einen gefangen nimmt. Sie ist so anders als all die anderen Mütter (und Menschen), hat unglaublich hart zu kämpfen und überstrahlt dennoch alles. Und wie die Frauen sich gegenseitig unterstützen, nachdem das anfängliche Misstrauen verschwunden ist – da geht einem das Herz auf.

Obwohl ich erst die Hälfte der fünfhundert Seiten gelesen habe, weiß ich, ich werde sehr traurig sein (egal, wie es ausgeht), denn dies ist eins von den Büchern, nach deren Lektüre man glaubt, man werde für lange Zeit keines mehr finden, das einen so berührt. Die Sprache der Autorin ist poetisch und zupackend zugleich, sie spricht alle Sinne an und lässt sämtliche Personen wie leibhaftig vor einem stehen. Die Sätze fließen, lösen wohlige Gedanken ebenso aus wie wehmütige, wecken Erinnerungen:

„Wir fanden uns, wie sich Kinder finden, ohne zu zögern, ohne Umstände, und sobald wir unser erstes Spiel begonnen, unsere ersten Fragen gestellt hatten, verbrachten wir unsere Tage miteinander, fädelten sie auf wie an einer endlosen Kette, und hielten jede Unterbrechung, mit der andere uns trennten, für eine Zumutung.“

Dieses Buch tut gut, denn es lenkt den Blick auf das, was im Leben zählt: Freundschaft, Mitmenschlichkeit und die vielen kleinen, kostbaren Momente jedweder Art. Es lässt mich an einen Spruch von Mahatma Gandhi denken: „Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.“

Ein Hoch auf den Herbst

Während um mich herum geklagt wird, dass der Sommer zu Ende geht, laufe ich zu Hochform auf. Ich freue mich auf den Herbst! Brütende Hitze braucht doch kein Mensch. Gegen Kälte kann ich mich warm anziehen, gegen Regen schützen, aber bei Hitze fühle ich mich wie ausgebremst. Und wie schön es jetzt draußen ist! Der Himmel ist oft klarer und von tieferem Blau, die Luft frischer und das Licht besonders  schön. Die letzten Brombeeren verstecken sich im Gewirr der Zweige, das Korn ist eingefahren und lässt den weiten Blick über die Felder zu. An den Rosensträuchern leuchten die Hagebutten sanftrot, und vereinzelt raschelt schon Laub unter den Füßen.

Wenn es regnet und stürmt, kann ich mit Anstand drinnen bleiben. Auch der Garten ruft nun bald nicht mehr nach mir. Ich kann mich an den Schreibtisch setzen und wieder mehr bloggen, kann kramen, lesen, schreiben, die Wohnung umdekorieren. Es wird nun wieder früher dunkel, und nach der sommerlichen Fernsehabstinenz freue ich mich auf das geliebte Sonntagabend-Ritual – Tatort gucken und zwar einen aktuellen. Dazu gibt es statt halbherzigem Rosé vollmundigen Rotwein.

Auch klamottentechnisch beginnt nun bald die wunderbare Zeit der herrlich nach Leder riechenden Stiefel, der kuscheligen Strickjacken, Schals und Rollkragenpullover. Ok – noch ist es nicht so weit, auch ich genieße die milden Spätsommertage sehr – aber dennoch: Ich freue mich auf die erste Kastanie, diesen schimmernden Handschmeichler, der endgültig den Sommer verabschiedet. Wenn es im Volksmund tröstend heißt „auch der Herbst hat schöne Tage“ halte ich dagegen „pah, der Herbst hat die schönsten Tage!“

Out of Rosenheim?

Rosenheim – so dachte ich bisher – ist ein kleines, verschlafenes, spießiges Nest in Bayern. Gerade waren wir eine Woche dort, Haus und Hund hüten bei Freunden, und ich gestehe beschämt, ich habe mich geirrt und zwar gründlich. Rosenheim hat nicht nur eine geniale Lage für alle möglichen Freizeitaktivitäten: Rosenheim ist mit 60.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt in Oberbayern und hat richtig viel zu bieten.

Schon auf der Autobahn überraschte mich das Schild „Historische Altstadt Rosenheim“. Und in der Tat, Marktplatz und Umgebung können sich sehen lassen: wunderschöne Hausreihen im Gründerzeitstil mit farbigen Fassaden und verschnörkelten Erkern erfreuen das Auge. Ebenso finden sich dort die von mir so sehr geschätzten Arkaden, die südlichen Flair ausstrahlen – wie man es auch von Bozen kennt.

Begeistert waren wir von der alten Kunstmühle, die heute ein Café beherbergt ­– schwer zu entscheiden, ob man lieber draußen sitzt, am Flüsschen Mangfall, oder drinnen, in dem alten, wunderschön gestalteten Industriegebäude. Ein Ausflug ins benachbarte Kolbermoor ist ebenso empfehlenswert. Die Alte Spinnerei ist ein Baudenkmal an der Mangfall, das jahrelang im Dornröschenschlaf lag und vor ein paar Jahren zum Leben erweckt wurde. Nun befinden sich dort inmitten der alten Industriedenkmäler Cafés, ein italienisches Restaurant, und kleine, individuelle Geschäfte sowie jede Menge schicker Wohnungen und Büroräume.

Es hätte noch eine Menge zu sehen gegeben (z.B. lief gerade eine Ausstellung über Alexander den Großen im Lokschuppen), aber wir waren auf Wandern gepolt und Rosenheim ist der ideale Standort für größere und kleinere Touren in die Berge und an Dutzende verschiedener Seen, in denen man herrlich baden kann. Dafür braucht man Rosenheim übrigens noch nicht mal zu verlassen, an Mangfall und Inn tummelten sich so viele Menschen, wie ich sie vielleicht an der Isar in München vermutet hätte.

Der Sohn von Freunden studiert Holztechnik an der dortigen Fachhochschule. Er schätzt die zahlreichen Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten, sagt aber auch, dass es für junge Leute etwas öde ist. Diese Seite mag es auch geben. Für uns hat die Zeit nicht gereicht. Für uns ist Rosenheim jetzt „in“.

Fit ohne Fitness-Studio?

Viele Jahre war ich Mitglied in einem Fitness-Studio und bin ziemlich diszipliniert zweimal die Woche dort hingetrabt. Auslöser für diesen körperlichen Fleiß war mein Rücken – er lässt mich nur in Ruhe, wenn ich ihn und sein Gegenüber, den Bauch, regelmäßig trainiere. Also war ich eine halbe Stunde auf dem Laufband und habe ein paar gezielte Geräte-Übungen gemacht.

Vor gut einem halben Jahr bin ich an der Schulter operiert worden und dachte, wenn das wieder völlig in Ordnung ist, dann kann ich mein Spektrum im Fitness-Studio endlich erweitern, vielleicht auch an Kursen teilnehmen. Nun ist das Gegenteil eingetreten – ich trete aus. Nach der Schulter OP  hatte ich mir angewöhnt, jeden Tag zehn Minuten Gymnastik und einen strammen Spaziergang zu machen, um mich wenigstens einigermaßen in Form zu halten. Ein paar Monate ohne Studio  haben mir gezeigt: Ich bin nicht weniger fit, aber ich habe viel mehr Spaß daran, mich zu bewegen.

Um das klarzustellen: Ich war in einem guten Studio, mit guter Ausstattung, guten Trainern, angenehmer Atmosphäre. Aber es bleibt eben doch ein geschlossener Trainingsraum, es bleiben enge Schränke in den Umkleiden, es bleibt der Weg hin und zurück. Und wie viel schöner ist es doch, in der frischen Luft zu walken anstatt auf dem Laufband. Nun schaue ich nicht mehr auf das Kommen und Gehen auf dem Parkplatz des Studios, sondern auf glitzernde Wellen des Rheins und wunderschöne Vogel-Formationen. Und ich merke, es fällt mir leichter, mich täglich zum Sport aufzuraffen, als zweimal die Woche die Tasche für die Muckibude zu packen; durch das Tägliche bekommt es einen Automatismus.

Zu Beginn habe ich noch gezweifelt, ob ich mir „erlauben“ kann, auf das Fitness-Studio zu verzichten, habe diverse kompetente Menschen befragt, ob man gut genug ohne Geräte trainieren kann. Man kann! Und seitdem ich mich mit dem Thema beschäftige, fallen mir  – wie das dann so ist – überall die Infos dazu entgegen. Gerade habe ich in der F.A.Z. einen Artikel gelesen „Sport ganz puristisch (…) mit dem eigenen Körpergewicht und einfachen Geräten.“ Streetworkout nennt sich diese Bewegung, sie rät: „raus aus den dunklen Gyms, den eigenen Körper zum Training nutzen.“ Man könnte auch sagen, zurück zu Turnvater Jahn.

Ich fühle mich bestätigt. Beflügelt schwinge ich mich frühmorgens bei dem traumhaften Sommerwetter aufs Fahrrad und halte die Nase in den Wind. Wie es dann im Winter wird, werden wir sehen …

Fußball? Au ja! Frauen-Fußball? Na ja …

Fußball ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Lange galt es als unfein, sich für Fußball zu interessieren, aber inzwischen sind auch immer mehr Frauen mit Begeisterung dabei. Ich zähle dazu, seit langem. Was gibt es Spannenderes als mitzufiebern, ob der Lieblingsmannschaft das entscheidende Tor gelingt, mitzuleiden, wenn der Ball an die Latte prallt, sich die Haare zu raufen, wenn der Schiri falsch pfeift und mitzujubeln, wenn das Runde im (richtigen!) Eckigen landet! Bei den manchmal irrwitzigen Wendungen kann man alles um sich herum vergessen: Tore in allerletzter Minute, die über Meisterschaften entscheiden, übers Weiterkommen in Turnieren, über Aufstieg oder Abstieg, Tore, die aus fast unmöglicher Position fallen und Tore, die man am liebsten sofort wieder verdrängen möchte.

Momentan läuft die Fußball-Europameisterschaft der Frauen, eigentlich ein Fest für Fußball-Fans und somit auch für viele Frauen, eigentlich  … Ich gucke zwar die Spiele der Deutschen, aber der Funke will nicht so recht überspringen, und das liegt nicht nur daran, dass unsere Mädels so mäßig spielen. Warum hat der Frauenfußball so viel weniger Zuschauer? Das Spiel der Männer ist sicherlich schneller und dynamischer, aber inzwischen auch sehr Taktik-geprägt. Bei den Frauen gibt es häufig schönere Spielzüge und weniger Unterbrechungen. Und dennoch … Meine Beschämung über mangelnde Solidarität mit unseren Frauen ließ mich ins Grübeln kommen; ich habe für mich folgende Erklärung gefunden: Mir fehlt beim Frauenfußball die Geschichte dahinter. Deutschland gegen die Niederlande oder gegen Italien –  was für Lampen gehen da an beim Männerfußball – das sind absolute Klassiker.

Wer erinnert sich nicht noch an das bittere Ausscheiden von Deutschland in den allerletzten Minuten der Verlängerung im Halbfinale der Weltmeisterschaft 2006 gegen Italien, oder an das verlorene Spiel bei der Europameisterschaft 2012 und die Siegerpose des Mario Balotelli? Und ich weiß noch wie heute, wie ich 1974 hochschwanger im Wohnzimmer auf und ab hüpfte, beim Endspiel der Weltmeisterschaft, Deutschland gegen die Niederlande, und dann das Siegtor von kleines, dickes Müller bejubelte!

Aber das ist natürlich ungerecht, wie sollen solche Legenden entstehen, wenn nicht genug Menschen mit Begeisterung Frauenfußball schauen. Ich nehme mir also vor, mehr zu gucken! Ich freue mich aber doch schon sehr auf die übernächste Woche, in der wieder der Ball in der ersten Fußball-Bundesliga rollt, bei den Männern, versteht sich …

Wie ein Markenfan ins Wanken geriet

Bei einigen Dingen bin ich sehr markentreu, zum Beispiel bei einer bestimmten blauweißen Hautpflege. Und meiner Bank und meiner Versicherung halte ich seit Jahren treudoof die Stange. Das gilt auch für Zeitschriften und Zeitungen. Ich liebe die F.A.Z. (wenn auch erst, seitdem die aufmüpfigen Jahre vorbei sind) – und ganz besonders die Sonntagsausgabe, die F.A.S. Und jahrelang liebte ich meine BRIGITTE. Altersmäßig gereift probierte ich hin und wieder die BRIGITTE Woman. Dann beging ich einen strategischen Fehler, ich bat meinen Mann, das BRIGITTE Abo in ein BRIGITTE Woman Abo zu ändern. Glücklich geworden bin ich damit nicht. Ich finde die Zeitschrift gut, aber wenn ich irgendwo die normale BRIGITTE sehe, blutet mir ein wenig das Herz. Mir fehlen die leicht-lockeren bunten Seiten zwischendurch, die neuesten Trends, die Lese-, Kino-, Fernseh-, Musik-Tipps und all das, was mich den Puls der Zeit spüren lässt (das möchte ich nämlich auch noch mit 63 Jahren).

Aber nun kommt es: Ich stieß zufällig auf ein klassisches Me-Too-Produkt, die Freundin DONNA. Erst konnte ich mir gar nicht erklären, warum ich lieber zu dieser griff, als zu meiner abonnierten BRIGITTE Woman. Dann kam ich dahinter: die DONNA hat genau diesen Mix aus Leichtigkeit und Tiefe, Verspieltheit und Ernsthaftigkeit, den ich an der normalen BRIGITTE immer so geschätzt habe. Ich erzählte es einer Freundin und sagte, ich glaube, es liegt auch daran, dass die DONNA mehr Bilder hat als die Woman, dass die Seiten aufgelockerter sind. Weit gefehlt! Beim direkten Vergleich zeigte sich, dass das gar nicht stimmt. Aber zum einen ist der Satzspiegel bei der DONNA  schmaler und zum anderen die Schrift  kräftiger, beides Dinge, die das Lesen wesentlich angenehmer machen. Dies im Verbund mit den aufgelockerten Inhalten ist sehr attraktiv. Die DONNA versteht also nicht nur ihr grafisches Handwerk (besser), sie berücksichtigt auch, dass für ältere Menschen Lesefreundlichkeit extrem wichtig ist.

Und ich fühle mich von ihr mehr abgeholt in meinem Wunsch, am bunten Strauß des Lebens teilzunehmen. Und noch etwas fehlt mir bei der Woman, was die DONNA mir gibt: die Vorschau auf das nächste Heft, die Lust auf kommende Themen macht und mich dazu veranlasst, mir eine Notiz im Kalender zu machen „ DONNA kaufen“. Anstatt mich über meine Neuentdeckung zu freuen, bin ich nun traurig. Ich bin doch so markentreu!

Was für eine Oma will ich sein?

Ein Leserbrief mit der Frage „Bin ich eine schlechte Oma?“ aus der aktuellen freundinDONNA hat mich mitten ins Herz getroffen. Auch mich treibt ständig die Frage um, „Was für eine Oma will ich sein?“, die ja immer einhergeht mit der Frage „Was möchte ich noch vom Leben?“ Im besagten Artikel geht es um eine Tochter, die von ihrer Mutter verlangt, dass sie ihre Berufstätigkeit reduziert, um mehr für die Enkel da zu sein.
Das empfinde ich als unverschämt und undankbar, profitiert sie doch finanziell von der Berufstätigkeit der Mutter!

Ab und an macht auch meine Tochter eine Andeutung, was andere Großeltern leisten, und ich kann auch sehr gut verstehen, dass sie sich Unterstützung wünscht. Und natürlich habe ich auch selber dieses „Du solltest, Du müsstest“ in mir und finde es nicht leicht, damit umzugehen. Da ich nicht mehr berufstätig bin, habe ich die Möglichkeit zur Hilfe, wohne allerdings in Wiesbaden und die Familie wohnt in Köln. Mein (Berufs-)Leben war über weite Strecken äußerst anstrengend, vieles ist zu kurz gekommen, und so habe ich zum einen das Bedürfnis nach Ruhe und zum anderen den Wunsch, mir noch den großen Traum zu erfüllen, einen Roman zu schreiben.

Aber natürlich liebe ich meine Familie, ich habe mir auch glühend Enkelkinder gewünscht.  Die Zeit mit meiner Enkelin ist ein wunderbares Geschenk, ich kann die Stunden mit der Zweijährigen ganz anders genießen, als seinerzeit die mit meinen Kindern als junge, teilweise alleinerziehende Mutter. Die Zeiten mit ihr strengen mich aber auch an – es fällt mir nicht ganz leicht das zuzugeben, aber wie sagte eine Freundin doch so treffend: „Es ist gut, dass wir die Kinder mit Mitte Zwanzig bekommen haben und nicht mit Mitte Sechzig“: Die Belastbarkeit ist einfach nicht mehr so hoch. Und als ältere Frau ist man sich viel bewusster als früher, dass das Leben endlich ist und sollte sich prüfen, was man noch möchte von den letzten Jahren. Jede Frau sollte für sich ausloten, wieviel sie zu geben bereit ist.

Im erwähnten Artikel wurde zur Diskussion gestellt, ob es eine Verpflichtung gibt, sich um die Enkel zu kümmern. Ich finde, dass man sich um vieles bringt, wenn man es nicht tut – wunderbare Stunden mit diesen zauberhaften kleinen Wesen und das gute Gefühl, die junge Familie unterstützt zu haben. Aber ich finde, man hat auch das Recht zu sagen, dieses oder jenes wünsche ich mir noch vom Leben und deshalb stehe ich nicht unbegrenzt zur Verfügung. Ich habe meiner Tochter, als sie schwanger war, gesagt, auch wenn ich in Köln wohnen würde, würde ich Euch nicht die Kita ersetzen – aus besagten Gründen. Das ist mir schwergefallen, denn man möchte doch so gerne geliebt werden und die perfekte Mutter und Oma sein. Also muss man dann auch aushalten, dass man das nicht ist!

Für mich heißt die Devise: aushelfen, einspringen, teilhaben, sich kümmern – es ist keine Frage des OB, sondern des WIEVIEL, das Ausmaß muss sicherlich immer wieder neu austariert werden. Dazu gilt es sich zu prüfen, ob die aktuelle „Beteiligung“ passt oder zur Belastung wird und letzteres dann offen und ehrlich den Kindern zu kommunizieren. Eine echte Herausforderung, denn das schlechte Gewissen lauert immer im Hintergrund – aber was wäre das Leben ohne Herausforderungen!

Vom Ostwind verweht – Urlaub der besonderen Art

Sie sollten den Frühling einläuten, die Erkältungsviren endgültig vertreiben und uns mit viel Sonne ein Lächeln ins Gesicht zaubern – die Tage auf Juist Ende März. Eine Woche Urlaub mit Enkelkind, Tochter und Schwiegersohn auf einer wunderbaren Insel, das hatten wir uns in den schönsten (und wärmsten) Farben ausgemalt. Meine Tochter und ich saßen gedanklich schon im Strandkorb und schauten der kleinen Hannah beim Buddeln im Sand zu, während die Männer Drachen steigen lassen würden, alles ganz entspannt, versteht sich.

Der Urlaub rückte näher, die Erwartungen wurden notgedrungen mittels wetter.de angemessen angepasst  – dachten wir …

Samstag Abend: Eine gute Stunde vor Ankunft am Hafen hörten wir zufällig im Radio, dass aufgrund des starken Ostwinds Fähren ausfielen – man solle sich erkundigen. Interessant, dachte ich, so etwas gibt es? Sind wohl die Ostseehäfen betroffen. Eine leise Irritation blieb und sorgte für den Griff zum i-phone. Auch Juist war auf dem Wasserweg nicht zu erreichen. Vielleicht auf dem Luftweg? Alle Flüge ausgebucht, bis Montag Nachmittag. 800 Passagiere im Fährhafen gestrandet. Was tun? Wir waren so schlau, weit weg von der Küste zu bleiben und so klug, im Internet nach einem familienfreundlichen Hotel zu schauen. Ein Bauernhof mit Jugendherbergscharakter nahm uns Gestrandete auf, Hannah stürzte sich auf ein Schaukelpferd und wir uns auf unsere mitgebrachten Lebensmittel. Dazu sollten wir ebenso am nächsten Tag Gelegenheit bekommen.

Denn auch für Sonntag, auch beim 83. Mal Nachschauen, standen bei den geplanten Abfahrtszeiten der Fähren nur diese, inzwischen wohlbekannten Zeichen im Internet: XXX. Immerhin, die beiden Schiffstermine am Montag waren mit ??? versehen. Ganz früh machten wir uns also am nächsten Morgen auf den Weg – und mit uns Hunderte … Wir hatten Glück, wir erwischten die Fähre, es sollte erst mal die einzige bleiben. Die am späten Nachmittag legte zwar ab, blieb aber im Niedrigwasser stecken, musste umkehren und viele Leute verbrachten die Nacht an Bord, versorgt mit dem Nötigsten vom Roten Kreuz, andere versuchten ihr Glück wieder in den hoffnungslos überfüllten Hotels oder fuhren völlig entnervt endgültig heim.

Montag, 11 Uhr: Geschafft, auf der Insel! Zwar mussten zwischen Fähre und Kutsche erneut Erwartungen korrigiert werden, aber hinter dem Ferienhaus, geschützt von der Düne, da könnte man doch bestimmt … Nix konnte man, der Wind war so stark und so eisig, dass an Draußensitzen nicht zu denken war, und der Aufenthalt am Strand sich auf zweimal fünf Minuten beschränkte. Eine zierliche Zweijährige durfte man nicht von der Hand lassen – wollte man es sie nicht dem fliegenden Robert gleichtun lassen. Tja, viel haben wir von der Insel nicht gesehen.

Es war trotzdem eine schöne Woche, das Enkelkind war der Sonnenschein, das Miteinander war unkompliziert, das bisschen frische Luft hat gut getan. Ich liebe kleine Mitbringsel, die mich dann später an diesen Urlaub erinnern – es kam nicht dazu – das einzige, was ich mir mitgebracht habe, war eine neue, heftige Erkältung. Vergessen werde ich diesen Urlaub bestimmt nicht!

„Michel Petrucciani – Leben gegen die Zeit“, Film von Michael Radford

Michel Petrucciani: Noch nicht mal einen Meter groß, schwer krank, aber sprühend vor Tatkraft und Kreativität, das reinste Energiebündel. Der Doku-Film erzählt die Geschichte des französischen Jazz-Pianisten Petrucciani, eines genialen Musikers. Mit Rückblenden in die Kindheit und Jugend werden wir schnell ins Bild gesetzt über die schwere Glasknochen-Krankheit des Protagonisten, seine körperliche Behinderung (er ist nur knapp einen Meter groß und kann lange selber nicht gehen, wird immerzu getragen) und über seine geringe Lebenserwartung. Über all das setzt Petrucciani sich mit unglaublicher Energie hinweg, widmet sein Leben der Musik. Mit siebzehn Jahren bricht er auf, um Amerika zu erobern, schafft es tatsächlich, bei Blue Note unter Vertrag genommen zu werden und im legendären Jazzclub Village Vanguard mit einschlägigen Musikgrößen aufzutreten. Wenn er am Klavier sitzt, wirkt er wie entfesselt, spielt mit unglaublicher Leidenschaft und Rasanz, kaum zu glauben, dass er immer Gefahr lief, sich etwas zu brechen, was auch mehrmals passierte. Es kümmert ihn nicht, er lebt gegen die Uhr  (versinnbildlicht durch die immer wieder eingeblendeten, vorrückenden Uhrzeiger).

Im Film kommen verschiedene Weggefährten zu Wort, natürlich auch seine drei Frauen. Petrucciani hat nichts anbrennen lassen, nichts ausgelassen, gegen den Rat der Ärzte sogar ein Kind in die Welt gesetzt. Mitleid war das letzte, was er wollte. Aber wir sehen auch einen von sich sehr überzeugten Menschen, der es seiner Umwelt nicht immer ganz leicht machte – man ist versucht zu sagen, typisch Genie. Als er mit 36 Jahren stirbt, wirkt er viel älter, er hat alles in sein kurzes Leben gepackt, was hineinzupacken war, keine Sekunde seines Lebens vergeudet.

Die Musikszenen sind mitreißend, der Film hat in mir die unbändige Lust geweckt, wieder mehr Jazz zu hören. Doch auch wer diese Musikrichtung nicht unbedingt favorisiert, wird sich der elektrisierenden Aura dieses ungewöhnlichen Menschen nicht entziehen können.