„Was man von hier aus sehen kann“, von Mariana Leky

Ein Dorf im Westerwald und seine skurrilen Bewohner – das sind die Protagonisten dieser herzerwärmenden Geschichte. Da gibt es Selma, die aussieht wie Rudi Carrell und der im Traum manchmal ein Okapi erscheint – das bedeutet, dass am nächsten Tag jemand im Dorf stirbt. Wer, weiß man natürlich nicht. So löst Selmas Traum vom Okapi jedes Mal hektische Aktivitäten aus: Beichten, Geständnisse, Schwüre, gute Vorsätze. Der Optiker liebt Selma, traut sich aber nicht, ihr seine Liebe zu gestehen, weil seine inneren Stimmen es immer wieder schaffen, ihn davon abzuhalten. Selmas Enkelin Luise ist die Ich-Erzählerin, sie verbindet mit dem gleichaltrigen Martin eine Freundschaft von unglaublicher Intensität, die originell beschrieben wird: „Martin übte schon seit dem Kindergarten Gewichtheben und ich war das einzige Gewicht, das immer greifbar war und sich anstandslos hochheben ließ.“ Luises Vater meint, ständig in der Welt herumreisen zu müssen; Luises Mutter trägt jahrelang eine unglaublich schwere Frage mit sich herum. Auch Martin hat einen Vater, der sich nicht wirklich kümmert. Selma und der Optiker, diese herzensguten Menschen sind es, die den beiden Kindern die Welt nahebringen. Auch die anderen Dorfbewohner wachsen einem mit ihren Nöten und Marotten schnell ans Herz.

Und eines Tages taucht Frederik auf, ein Hesse, der sich in ein buddhistisches Kloster in Japan zurückgezogen hat und nur ausnahmsweise in Deutschland ist. Luise und er begegnen sich, und ab da nimmt der Roman Fahrt auf. Im ersten Teil hatte ich etwas Schwierigkeiten, mit den vielen Menschen klarzukommen. Alle Personen werden ausführlich vorgestellt und so fühlte es sich zu Beginn an wie lauter einzelne Geschichten. Aber im zweiten Teil vernetzt sich alles, und ab dann war ich auch wirklich „drin“ und habe es sehr genossen.

Leky erzählt auf eine ganz besondere Art und Weise, lakonisch, originell und witzig, und immer ganz nah dran an ihren Figuren. Köstlich, wie sie den Kampf des Optikers mit seinen inneren Stimmen beschreibt und herrlich die Szene, wie Frederik ihn auf unkonventionelle Art und Weise davon heilt – na, nicht ganz, aber fast. Traurige Szenen sind mit unglaublicher Intensität dargestellt und lassen den Leser teilhaben an den von echter Menschlichkeit getragenen Beziehungen zwischen den Dorfbewohnern. Ein sehr, sehr  kluges und sehr schönes Buch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.