„Rausch der Verwandlung“, von Stefan Zweig

Es ist ein bisschen wie bei Aschenputtel, aber eben auch nur ein bisschen: 51tzfdkjjl-_sx310_bo1204203200_Christine, eine in ärmlichsten Verhältnissen lebende Postassistentin in einem kleinen österreichischen Dorf nach dem Ersten Weltkrieg, bekommt von ihrer reichen Tante völlig überraschend eine Einladung zu Urlaubstagen in einem Schweizer Luxushotel. Wie im Märchen erlebt Christine dort eine wundersame Verwandlung – von der Tante großzügig neu eingekleidet, blüht das verhärmte Mädchen von Tag zu Tag mehr auf und stürzt sich in einen Strudel leidenschaftlicher Begeisterung für die luxuriöse Umgebung und all die herrlich anzusehenden Menschen; bald ist sie begehrter Mittelpunkt im Treiben der Schönen und Reichen. Als man sie fälschlicherweise für die reiche Erbin der adeligen Tante hält, lässt sie die Umwelt in diesem Glauben.

Doch es gibt auch Neider, ihre wahre, bettelarme Herkunft bleibt nicht verborgen, und schon vor Ablauf der zwei Wochen platzt der Traum wie eine Seifenblase. Wieder zurück in ihrem engen, ärmlichen Leben, kommt Christine überhaupt nicht mehr zurecht mit ihrem Alltag, dem verhassten Arbeitsplatz, den miefigen Wohnverhältnissen, den sie umgebenden Menschen und der alles erdrückenden Armut. Da lernt sie plötzlich den ebenfalls vom Leben gebeutelten Ferdinand kennen. Die beiden beginnen eine Beziehung miteinander, die einen so ganz anderen Verlauf nimmt als der eines klassischen Liebespaares …

In emotionaler, bildhafter, poetischer Sprache (für unseren heutigen Geschmack manchmal schwülstig) beschreibt Zweig die ärmlichen Lebensumstände der Nachkriegsjahre ebenso wie das Leben im Luxushotel und den Rausch des Reichtums. Für Zweig eher ungewöhnlich enthält die Geschichte viel Sozialkritik. Er schaut genau hin, beschreibt minutiös. So nimmt er sich für die Beschreibung kindlicher Freude und unbändiger Lust am Lachen eine ganze Seite – ich habe mich zurückversetzt gefühlt in die unbeschwerten Jahre der Kindheit und Jugend:

„ (…), wie leicht, wie locker dies Lachen damals in der Kehle gesessen, ganz nah war es immer, es kitzelte nur so unter der Haut, es quirlte und gärte im Blut; nur anzuschütteln brauchte man und schon kollerte es über die Lippen. Festhalten musste man sich (…) und die Lippen beißen, damit es nicht losknatterte (…) Denn jedes Nichts kitzelte damals dieses schaumige, sich selbst übersprühende Kleinmädchenlachen heraus. (…) Man war ja so randvoll mit Lachen geladen, dass es bei jedem Funken explodierte.“

Spannend, eindringlich, lesenswert!

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