Olga, Bernhard Schlink  

Eine berührende Geschichte, in der für Schlink typischen schlichten und gleichzeitig sehr präzisen Sprache geschrieben, die mir außerordentlich gut gefällt. Schlink, der durch seinen Roman „Der Vorleser“ berühmt wurde, erzählt von einer großen Liebe vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse im 20. Jahrhundert. Es ist also auch eine kleine Geschichtsstunde im Schnelldurchgang, der Bogen reicht vom deutschen Kaiserreich bis in die Siebziger Jahre. 

Olga, in ärmlichen Verhältnissen geboren und durch den frühen Verlust ihrer Eltern gezwungen, bei ihrer harschen Großmutter in Pommern aufzuwachsen, verliebt sich in Herbert, den Sohn eines Großgrundbesitzers. Die Verbindung sieht sich vielen Schwierigkeiten gegenüber, aber beide behalten beharrlich an ihrer Liebe fest. Und Olga erkämpft sich gegen alle Widerstände Zugang zu Bildung und wird Herbert eine ebenbürtige Partnerin. Sie sieht seine Fehler („Deine kolonialen Phantasien – was für Luftgespinste!“) deutlich, aber lässt niemals in ihrer Liebe zu ihm nach. Während er sich in Träumereien von fernen Ländern und von Größe und Macht der Deutschen verliert, steht sie mit beiden Beinen auf der Erde, kämpft gegen die Vorurteile der Zeit und für ihre Rechte als Frau. Sie sieht die deutsche Großmannssucht und das Imponiergehabe zunehmend kritisch, diese Haltung durchzieht den ganzen Roman: „Sie fand, mit Bismarck habe das Verhängnis angefangen. Seit er Deutschland auf ein zu großes Pferd gesetzt habe, auf dem es nicht habe reiten können, hätten die Deutschen alles zu groß gewollt.“ 

Im dritten Teil des Romans finden sich Olgas Liebesbriefe an den verschollenen Herbert – das sind wunderbar geschriebene Dokumente, die die Persönlichkeit dieser starken, nahezu unfehlbaren, Frau wunderbar zum Ausdruck bringen, und gleichzeitig offene Handlungsstränge verknüpfen. 

Die professionelle Kritik hat wenig Gutes an dem Roman gelassen. Die unerwartete Wendung mitten in der dreigeteilten Geschichte könnte man vielleicht als sehr konstruiert bemäkeln. Aber ich habe das Buch ausgesprochen gerne gelesen und kann es sehr empfehlen. Danke an Simone für den Tipp!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.