Die Farben des Himmels, Christina Baker Kline

Nach der Lektüre dieses Buches würde ich am liebsten sofort nach New York fahren und mir  das Gemälde „Christinas World“ von Andrew Wyeth im Museum of Modern Art anschauen. Es ist sein berühmtestes Bild  und gilt als ein wichtiges Symbol amerikanischer Kultur. Im vorliegenden Roman geht es um die Entstehung des Gemäldes. Hauptthema ist aber das Leben der darauf abgebildeten Christina Olson, die so etwas wie eine Muse für Wyeth war.

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen: 1896 erkrankt die Ich-Erzählerin, die dreijährige Christina an einer seltsamen Krankheit, die ihre Arme und Beine, Hände und Füße stark verformt und sie in ihrer Mobilität extrem einschränkt. 1939 bekommt die ans Haus gefesselte Christina Besuch von ihrer Freundin Betsy, die ihren Freund Andrew mitbringt. Der spürt von Beginn an eine ganz besondere Atmosphäre in dem von Christina und ihrem Bruder Al bewohnten Haus, quartiert sich ein und beginnt dort zu malen. 

Christinas Leben auf der Farm in Maine ist von harter Arbeit, Entbehrungen und Enttäuschungen gezeichnet. Die Eltern verwehren ihr, den Beruf der Lehrerin zu ergreifen, die hoffnungsvolle Beziehung zu einem Mann scheitert und ihre fortschreitende Erkrankung macht ihre Welt immer kleiner und enger. Mit eisernem Willen und einer großen Spur Trotz (sie verweigert einen Rollstuhl) schafft Christina es, den Haushalt zu führen und die ihr (unbarmherzig) zugeteilten Aufgaben zu übernehmen. Sie ist bereit, körperliche Verletzungen und seelische Demütigung in Kauf zu nehmen, damit sie sich so fortbewegen kann, wie sie es möchte. Sie benutzt ihre Unterarme und Ellenbogen, um sich Treppen hinaufzuziehen. Ein Satz hat mich besonders berührt und hallt nach: „Je älter ich werde, desto mehr denke ich, dass Sich-Abfinden die größte Gnade ist.“ 

Nicht nur Christina Olsen und Andrew Wyeth, auch viele andere Figuren des Romans haben tatsächlich gelebt. Die Autorin beschreibt ihre umfangreichen Recherchen, aber sie betont auch, dass es letztlich eine fiktionale Geschichte ist. Das Gemälde ist vorne im Buch ganz klein abgebildet, ich habe es mir immer wieder angeschaut, und nun würde ich es zu gerne im Original sehen. Fazit: Eine sehr intensive Lektüre, leise, aber niemals langweilig. Man liest die Lebensgeschichte der Protagonistin mit zunehmender Hochachtung. Sehr lohnend.

PS: Mal wieder eine ärgerliche Übersetzung des Titels, der im Original A Piece of the World heißt, was es meines Erachtens so viel besser trifft.

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