Die einzige Geschichte, Julian Barnes

Ein besonderes Buch. Nicht leicht verdaulich, tiefgründig, kunstvoll. Der 19-jährige Protagonist Paul lernt beim Tennis-Doppel Susan kennen. Sie ist verheiratet, Mutter von zwei Töchtern und sie ist Ende Vierzig. Eine Mesalliance für seine Umwelt. Für Paul eine wunderbare, logische und zwingende Liebe. Die sich im ersten Teil des Buches für das Liebespaar erfreulich entwickelt, im zweiten Teil eine dramatische Wendung nimmt und im dritten Teil fast ausschließlich aus Pauls Reflexionen über sein Leben und diese eine Liebe besteht. Es ist keine klassische Geschichte über die Liebe eines sehr jungen Mannes zu einer sehr reifen Frau.

Immer wieder wird der Erzählfluss durch philosophische Betrachtungen des Autors unterbrochen. Es geht viel um die Frage, wie sehr beeinflusst das, wohin wir gehen, das, woher wir kommen. Und um das Thema Schuld. Und natürlich geht es vor allem um die Liebe. Im Verlaufe der Geschichte wechselt Barnes die Erzählperspektive – im ersten Teil erzählt Paul in der Ich-Form, dann geht er zum Du über, und im dritten Teil berichtet er in der dritten Person Singular. Um seine wachsende Selbstentfremdung zu verdeutlichen? Seine Distanz zum Erlebten? Das ist etwas irritierend, aber es passt sehr wohl ins Gesamtkonzept. 

Susan bleibt leider etwas blass als Person. Da hätte ich gerne mehr erfahren – warum verliebt sie sich in Paul, was bedeutet er ihr, wie problematisch ist diese Liebe für sie, ist das, was dann mit ihr geschieht, der Preis für diese Liebe? Man könnte diese Geschichte mit Fug und Recht als deprimierend bezeichnen. Zum Glück lässt der Autor aber auch immer wieder britischen Humor mit einfließen. Und ich habe festgestellt, das Erzählte geht mir längst nicht so nah wie die Geschichte der St. Louis im vorigen Beitrag … 

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