Der Verlorene, Hans-Ulrich Treichel

Eine Nachkriegsgeschichte: Eine Familie sucht ihren auf der Flucht verloren gegangenen Sohn. Dessen später geborener Bruder erzählt, wie das Familienleben über Jahre durch die Suche dominiert wird. Er erzählt von der bis ans Manische grenzenden Besessenheit seiner Eltern, vor allem seiner Mutter. Als kleiner Bruder des verlorenen Arnold realisiert der Ich-Erzähler nach und nach, dass der Vermisste die Hauptrolle in der Familie spielt und ihm die Nebenrolle zugedacht ist, eine bittere Rolle.

Detailliert beschreibt der Junge, wie es für ihn ist, dass es Arnold im Leben seiner Eltern gegeben hat. Zunächst glaubt er, der Bruder sei tot, später fürchtet er, dass Arnold vielleicht sogar bald eine reale Rolle in seinem Leben spielen könnte. Man leidet mit ihm mit, möchte die Eltern schütteln. Das Ganze ist lakonisch erzählt und bei aller Traurigkeit teilweise auch komisch. Vor allem, als es um ein anthropologisch-erbbiologisches Abstammungsgutachten geht, dass die Familie beauftragt, weil sie glaubt, in einem Findelkind den verlorenen Sohn wiedergefunden zu haben, wird es skurril. Da ist die Rede vom Vergleich der Fettauflagerungen am Kopf, von relativer Kieferwinkelbreite, von Stirnhöckern, Unternasen und Hinterkopfwölbungen. 

Wahrscheinlich hat es solche Geschichten nach dem Krieg zuhauf gegeben. Auch die Rolle der Findelkinder, die womöglich ein Leben lang darauf hoffen, gefunden zu werden, wird einem näher gebracht. Man liest das Ganze fast atemlos, es gibt so gut wie keine Absätze, geschweige denn Kapitel. Am Ende dieses schmalen Büchleins fragt man sich, wer ist hier eigentlich der Verlorene? Denn verloren haben doch alle.

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