Christina Baker Kline, Der Zug der Waisen

New York, 1929: Zusammen mit vielen anderen Waisen wird die neunjährige Vivian, die gerade ihre komplette Familie verloren hat, in den Zug gesetzt und in den Mittleren Westen der USA geschickt. Dort warten Pflege-Familien auf die Kinder, die sie aufnehmen wollen – allerdings erst nach genauester und meist erniedrigender Prüfung, ob die Kinder tauglich sind für die ihnen zugedachten Knochen-Arbeiten … im Haushalt, auf dem Feld, in der Fabrik.

So landen die meisten Kinder in einer Art vertraglich geregelter Sklaverei. Nur wenige werden herzlich willkommen geheißen und erhalten die ersehnte Fürsorge. Zwischen 1854 und 1929 brachten in den USA die so genannten „Orphan Trains“ (Waisenzüge) mehr als zweihunderttausend verwaiste, verlassene und teils verwahrloste Kinder in den Mittleren Westen, wo die meisten von ihnen traumatische Erfahrungen erwarteten.

Das Buch erzählt die Geschichte der 91-jährigen Vivian in Rückblenden und verknüpft sie mit der Geschichte der 17-jährigen Molly im Jetzt. Molly ist ein aufmüpfiges Mädchen, das ebenfalls von Pflegefamilie zu Pflegefamilie geschoben wird. Das ist spannend, berührend, wunderbar konstruiert und soweit ich das beurteilen kann, super gut recherchiert. Das Schicksal der kleinen „Zugfahrer“ geht unglaublich ans Herz, ihre Wurzellosigkeit und die erlittenen Demütigungen lassen einen nicht mehr los. Zum Glück gibt es auch Lichtblicke in der Geschichte: Menschlichkeit, Wärme, Vertrauen und Freundschaft.

Beleuchtet wird ein „wenig bekannter, aber historisch bedeutsamer Teil der Geschichte der USA“, heißt es im Anhang, der ein paar Erklärungen und Fotos liefert. 

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