„Lo und Lu, Roman eines Vaters“, von Hanns-Josef Ortheil

Ein gefeierter Schriftsteller bleibt daheim, um sich um seine beiden kleinen Kinder Lo und Lu zu kümmern, während seine Frau arbeiten geht. Ein höchst vergnügliches, fabelhaftes und selbstironisches Buch ist das Ergebnis: „(…) natürlich bin ich kein Hausmann, der kocht, putzt, wäscht, sondern ein Schriftsteller der durch seine Arbeit ans Haus gebunden ist (…)“. Denkste! Ortheil beschreibt in seiner wunderbaren Sprache, wie er sich langsam von dieser Vorstellung verabschiedet. Wie er Schritt für Schritt begreift, dass seine alten Gewohnheiten sich nicht aufrecht halten lassen, und dass gelegentliche kinderfreie Momente nicht ausreichen, um seiner schriftstellerischen Tätigkeit nachzugehen. Ja, dass sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt wird durch die zweijährige Lo und den neugeborenen Lu. Und er beginnt, Tagebuch zu schreiben, „das ist so etwas wie die Schwundstufe von Arbeit.“

Ortheil lässt sich voll auf dieses neue Leben ein und schildert voller Wärme, aber auch mit leisem Spott über sich selbst, wie er die Tage mit den Kindern verbringt und die Welt mit ihren Augen ganz neu erfasst. Und vieles erstmals erlebt: Klamotteneinkauf fürs Töchterchen mit der bitteren Erkenntnis, dass man in den Augen attraktiver Verkäuferinnen nun eher Papa als Mann ist, den ersten generalstabsmäßig geplanten und dennoch nicht komplikationslosen Kindergeburtstag, den Rombesuch mit den lieben Kleinen. Ein Kapitel gilt einem Tag in Köln mit Besuch des Kölner Doms und des Schokoladenmuseums. Zwischendurch verschafft sich der Papa durch eine eilig herbeigerufene Verwandte etwas Freiraum, genehmigt sich ein paar Kölsch und verfällt ins Philosophieren, alleine und mit dem Köbes. (Für Nicht-Rheinländer: Köbes = Kellner in Brauhäusern in Köln, Düsseldorf, Bonn und Krefeld).

„Wer glaubt, dass man sich beim Bauen, Spielen und Fahren entspannen kann, kennt Bauen, Spielen und Fahren nicht richtig.“ Alle Eltern von kleinen Kindern werden wissen, wovon der Mann redet. Und ihre Freude daran haben. Wer glaubt, nach der Lektüre umfassend auf die Tücken des Familien-Alltags vorbereitet zu sein, den muss ich aber enttäuschen. Viele profane Seiten des Lebens mit Kleinkindern werden verschwiegen bzw. idealisiert. Aber es geht ja um die „Weite des Lebens“, und die wird laut Ortheil „ausschließlich markiert von der Freude und dem alltäglichen Glück.“ Ein schönes Buch!

„Wer die Nachtigall stört“, von Harper Lee

Die Verfilmung des Romans habe ich als ausgesprochen beeindruckend in Erinnerung, und die von mir sehr verehrte Elizabeth George nennt es ihr Lieblingsbuch, perfekt in „Perspektive und Erzählerstimme“. Grund genug, diesen in vierzig Sprachen übersetzten Klassiker endlich einmal zu lesen!
Das Thema ist Rassenhass im Alabama der 1930er Jahre – aber es geht um viel mehr als das – um Vorurteile im weitesten Sinne, um Mitläufer, kritisches Denken, Toleranz und menschliche Größe. Was das Buch so besonders macht: Es ist aus Sicht von Scout geschrieben. Sie ist die kleine Tochter des Anwalts Atticus Finch, der einen wegen Vergewaltigung angeklagten Schwarzen verteidigt. Unbefangen und unvoreingenommen kommentiert Scout die Ereignisse, und stellt Fragen, wie es eben nur ein Kind tun kann.

Zu Beginn des Romans ist Scout sechs Jahre alt, ihr Bruder Jem ist zehn. Wir erleben die überwiegend unbeschwerte Kindheit der beiden im kleinen Dörfchen Maycomb, in dem jeder jeden kennt (am Telefon muss man nicht seinen Namen nennen, um vom Gesprächspartner identifiziert zu werden), und in dem es menschliche Charaktere aller Schattierungen gibt: Den bösen Mr. Ewell, den guten, seine Kinder Verständnis und Toleranz lehrenden Anwalt Finch, viele schillernde Nebenfiguren und nicht zuletzt den sagenumwobenen Boo Radley, den nie jemand zu Gesicht bekommt, und vor dem die Kinder eine Heidenangst haben. Und der sehr spät im Buch doch noch seinen Auftritt bekommt. Mehr will ich von der Geschichte nicht verraten.

In manche Bücher kann man jederzeit wieder einsteigen, wenn man sie für ein paar Tage weggelegt hat. Das gelang mir bei dieser Geschichte nicht. Nur wenn ich eine Weile am Stück gelesen habe, bin ich wieder in diese besondere, sich langsam aufheizende Welt eingetaucht. Also besser dran bleiben! Es ist ein Gesamtkunstwerk, das man nur so richtig würdigen kann. Und aktuell wie eh und je. In Deutschland ist gerade ein Kommunalpolitiker zurückgetreten, weil er seine Familie vor rechtsextremer Hetze schützen wollte. Und das Thema Rassismus gibt es nach wie vor in USA, wenn auch subtiler als zur Zeit des Romans.

„Der Junge muss an die frische Luft“, von Hape Kerkeling

Bis etwas Seite Hundert ist das Buch eine durchschnittliche Biografie – nicht besonders aufregend – und wäre der Autor nicht so berühmt und hätte ich nicht vorab so viel über die Geschichte gelesen, ich hätte es womöglich weggelegt. Es war sicherlich ein Fehler, dieses Buch direkt nach dem Distelfink mit der überaus kunstvollen Schreibe von Donna Tartt zu lesen. Kerkelings Sprache ist schlicht, es gibt so gut wie kein Substantiv ohne Adjektiv („der grauhaarige, griesgrämige Wärter mit dem dicken Schlüsselbund in der sonnengegerbten Hand“), das kann auf Dauer ganz schön nerven.

Aber die zweite Hälfte entschädigt für das Durchhalten. Es ist faszinierend (und über weite Strecken auch ergreifend), wie die Jugendjahre und die Menschen, die ihn begleiten, Kerkeling prägen. Dabei geht es nicht nur um Eltern, Großeltern und die anderen Blutsverwandten, die teilweise notgedrungen in das Leben des Jungen eingreifen. Auch der weitreichende Einfluss einer Lehrerin wird deutlich; die wichtige Rolle, die die Familie seines besten Freundes einnimmt, wird erwähnt, wenn auch nicht näher beschrieben. Alle diese Verdienste um seine Person würdigt Kerkeling mit großer Dankbarkeit und viel Respekt. Mir hat es einmal mehr klargemacht, wie sehr manche Menschen unser Leben beeinflussen.

Bei Kerkeling sind es die Frauen, die seinen Lebensweg auf die eine oder andere Weise entscheidend begleiten, sei es mit unerschütterlicher Stärke und großem Lebensmut, sei es  mit genau dem Fehlen dieser Kraft und dem Schrecklichen, was daraus resultiert. (Mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten, es mag den einen oder anderen geben, der den Inhalt nicht so genau kennt). Die Männer bleiben blass im Hintergrund, die beiden Omas kommen ganz groß raus.

Mit „Ich bin dann mal weg“ hatte Kerkeling seinerzeit einen Nerv unserer Gesellschaft getroffen, indem er die Sehnsucht nach einem (zeitweisen) Ausstieg, den Wunsch nach Einssein mit der Natur und dem Ausloten der persönlichen Grenzen thematisierte. Im vorliegenden Buch lernen wir, dass er schon als Junge einmal die überaus wohltuende Wirkung eines Wanderurlaubs erfahren hat; insgesamt zeigt die Geschichte, wie unglaublich vorgezeichnet vor allem seine spätere berufliche Laufbahn schon in frühen Jahren war, wie sie im Grunde genommen zwangsläufig aus dem Erlebten resultierte. Das ist das eigentlich Interessante an diesem Buch, und dafür lohnt es sich auch, es zu lesen.

„Der Distelfink“, von Donna Tartt

Ein „Kunstraubkrimi“ (Buchreport) ist „Der Distelfink“ nur zu einem sehr geringen Teil. Auch wenn das unter dramatischen Umständen entwendete, titelgebende Bild die Klammer um die ganze Geschichte bildet, so ist das Buch doch viel viel mehr als ein Krimi. Am ehesten würde ich es als Entwicklungsroman bezeichnen.

Der dreizehnjährige Theodore besucht mit seiner alleinerziehenden Mutter ein Museum, als dort eine Bombe hochgeht, bei der viele Menschen, darunter auch seine Mutter, ums Leben kommen. Im allgemeinen Durcheinander nach der Detonation entwendet Theo das kostbare Gemälde „Der Distelfink“, ohne recht zu wissen, was er da tut – und auf was er sich damit einlässt.

Zunächst musste ich mich an die ausufernden, differenzierten Beschreibungen gewöhnen, egal, ob es sich um Milieu, Örtlichkeiten, Dialoge oder Personen handelt, alles wird in epischer Breite abgehandelt. Andererseits lässt Tartt lange meine Frage unbeantwortet, wie viele Personen die Familie seines Schulfreunds umfasst, die Theo aufnimmt, nachdem es sonst niemanden gibt, der für ihn sorgen kann, oder vielmehr will.

Vielleicht lässt Tartt uns auch über die genaue Geschwisterzahl bewusst erst einmal im unklaren, denn nichts scheint bei dieser Autorin unbeabsichtigt, der ganze Roman ist kunstvoll konstruiert und komponiert. Stets im richtigen Moment gibt es Taktwechsel – gerade hatte man genug von den immer dramatischeren Zuspitzungen oder den unzähligen Variationen ähnlicher Sachverhalte – da wechselt Tartt Schauplatz oder Tempo, gibt der Geschichte wieder eine positive Wendung, kehrt zurück zu einer liebgewonnen Figur, und wir atmen auf.

Nachdem ich mich an die ausführlichen Beschreibungen gewöhnt hatte (Tartt macht es einem mit ihrer wohlgesetzten, eleganten Sprache auch leicht ), und nach der Schlüsselszene im Museum, nach der Theos Leben rasant Fahrt aufnimmt, (und das wird auch bis zum Ende so bleiben), wollte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Abhängigkeit des Teenagers von Fürsorge und vor allem Liebe – beides hat er bei seiner Mutter reichlich bekommen – und seine Traumatisierung durch die Explosion beschreibt Tartt mit unglaublicher Einfühlsamkeit und Eindringlichkeit. Theos Odyssee durchs Leben und das Schicksal des verschleppten Bildes sind kunstvoll verwoben mit philosophischen Betrachtungen über das Leben und den Tod, über Zufälle, Schicksal, Vergänglichkeit, Freundschaft und Liebe.

Das Buch macht Lust auf Antiquitäten und auf eine intensive Auseinandersetzung mit Kunst, die weit über einfaches Betrachten hinausgeht. Die Personen sind allesamt sehr lebendig, besonders Mrs. Barbour (die Mutter seines Schulfreundes) und Boris (sein späterer Freund) wachsen einem ans Herz. Nicht zu vergessen Hobie, der väterliche Freund, und seine große Liebe Pippa (das Mädchen war zum Zeitpunkt der Explosion ebenfalls im Museum).

Fazit: Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen, ich habe die mehr als tausend Seiten wirklich gerne gelesen, ich kann die positiven Rezensionen nachvollziehen. Dennoch, das Buch schafft es nicht in meine Liste der Lieblingsbücher, es gibt Bücher, die mich mehr berühren.

 

„Eisblaue See, endloser Himmel“, von Morgan Callan Rogers

Eine ursprünglich nicht auf Fortsetzung angelegte Geschichte weiterspinnen und einen zweiten Band schreiben, kann das gut gehen? Das war die Frage, die ich mir gestellt habe, als ich dieses Buch gelesen habe. Von dem ersten Roman („Rubinrotes Herz, eisblaue See“ – die Titelähnlichkeit ist natürlich gewollt, macht einen aber etwas kirre) war ich begeistert, ihr erinnert euch?
Also, Florines Geschichte geht weiter: Aus dem elfjährigen Mädchen, das seine Mutter verlor, ist inzwischen eine junge Frau geworden, die mit dem Mann ihrer Träume verheiratet ist und in kurzer Folge zwei Kinder bekommt. Das mitunter recht turbulente Familienleben (wie das halt so ist mit zwei kleinen Kindern) wird ausführlich beschrieben.

Ein wenig Fahrt nimmt die Geschichte auf, als Briefe auftauchen, die ein neues Licht auf das mysteriöse Verschwinden von Florines Mutter vor knapp zehn Jahren werfen.
Aber die Lösung des Falls trägt für mich nicht über so viele (456!) Seiten. Natürlich geht es auch um anderes: Die Autorin beschreibt sehr anschaulich und mit viel Herz die Probleme, mit denen das junge Ehepaar zu kämpfen hat – aber für mich sprang der Funke dieses Mal nicht über. Es fehlen die unverwechselbaren Charaktere des ersten Bands, und auch die Bildsprache begeistert mich nicht mehr so sehr. Der Roman ist nett, er lässt sich einfach so weg lesen und wenn man „Rubinrotes Herz, eisblaue See“ gelesen hat, mag es Spaß machen, ein paar bekannte Gesichter wieder zu treffen und zu erfahren, was es mit dem Verschwinden von Carlie (Florines Mutter) auf sich hatte – aber meines Erachtens hätte die Autorin besser daran getan, sich nicht auf eine Fortsetzung einzulassen. Ein wenig hat nun auch der ursprüngliche Roman, der erste Band, an Glanz für mich verloren. Also: Nicht unbedingt empfehlenswert!

Jetzt lese ich „Der Distelfink“, von Donna Tartt. Gut tausend dicht beschriebene Seiten, es wird etwas dauern, bis ich mich wieder melde …

„Rubinrotes Herz, eisblaue See“, von Morgan Callan Rogers

Anrührend, witzig, tragisch, ergreifend, spannend – was lässt sich Besseres über einen (Unterhaltungs-)Roman sagen? Das Buch erzählt die Geschichte der elfjährigen Florine, die mit ihrer Familie ein unbeschwertes Leben in einem Fischerdorf an der Küste von Maine führt. Doch dann verschwindet ihre Mutter Carlie spurlos, und von jetzt auf gleich ist nichts mehr, wie es war. Man bangt und hofft mit Florine, begleitet sie bei ihren Nachforschungen und leidet mit ihr, wenn wieder einmal eine Spur ins Leere führt. Um sie herum kehren alle nach und nach in den Alltag zurück, doch Florine wehrt sich nach Kräften dagegen.
Die Jahre vergehen, Florine wird langsam erwachsen, mit allem, was dazugehört. Sie muss noch mehr Schicksalsschläge verkraften, aber am Ende gewinnt sie auch etwas sehr Kostbares. Das ist mit so viel Humor, Menschlichkeit und Einfühlsamkeit beschrieben, dass es einem ganz warm ums Herz wird. Alle Charaktere sind stark und differenziert gezeichnet. Ich fühlte mich ruckzuck als Teil der kleinen Dorfgemeinschaft im wunderschönen Neuengland.

Und die Bilder, die die Autorin findet, sind einfach umwerfend:
„… mit einer Stimme, die so tief war, dass sie über den Boden zu schleifen schien.“
„Weil meine Augen sich anfühlten, als hätte jemand Ziegelsteine draufgelegt.“
„Meine Gedanken rutschten durcheinander wie Pantoffeln auf gebohnerten Dielen.“
„Als sie hinausging, färbte sich ihr Kielwasser schwarz, dann mischten sich Grau- und Weißtöne darunter.“
„Nadelspitze Türme“, „schneespitzige Berge“, „katzenbucklige Inseln.“

Drei Jahre ist es her, dass ich den zauberhaften (Entwicklungs-)Roman über Florine gelesen und genossen habe. Der Titel wurde ein Bestseller in Deutschland. Jetzt ist eine Fortsetzung erschienen. Da drängt sich sofort die Frage auf, kann das gut gehen? Ist Florines Geschichte nicht auserzählt? Hat die Autorin nur dem Drängen des Verlags nachgegeben, der erneut gute Absatzzahlen witterte?
Der Nachfolgeband heißt „Eisblaue See, endloser Himmel.“ Ich lese ihn gerade und werde berichten …

„Aller Liebe Anfang“, von Judith Hermann

Hoch gelobt, viel dekoriert – ein Buch von Judith Hermann liest man nicht einfach mal so. Ich lese es mit Respekt, Ehrfurcht – und da ich mich inzwischen selber schriftstellerisch versuche, mit einer gewissen Beklommenheit. Thema des Romans ist die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit des Glücks. Die Hauptperson Stella, Ehefrau und Mutter einer Tochter, die mit ihrer kleinen Familie ein alltägliches, zufriedenes Leben in einem Vorort führt, wird gestalkt. Von einem Mister Pfister; für mich ein genialer Name, fast lächerlich, konkret und doch anonym, scharf und spitz, mit der Assoziation „finster“.

Die Autorin stellt Fragen, die sie geschickt mit der sich langsam entwickelnden Stalking-Geschichte verknüpft – warum haben wir uns festgelegt – auf den einen Mann, auf Kinder, auf dieses eine Leben? Lange Zeit bleibt etwas in der Schwebe, warum ist Stella so unentschlossen, ambivalent Mister Pfister gegenüber, ärgert sich fast, als er sie im Supermarkt bei der ersten persönlichen Begegnung ignoriert? Welche Lücke füllt er in ihrem Leben, welchem Sehnen gibt er Nahrung?

Dann zieht sich die Schlinge zu, erst unmerklich, dann Schlag auf Schlag. Mehrere kurze Kapitel hintereinander erhöhen das Tempo, als retardierendes Moment wird die friedlich im Sandkasten spielende Tochter dazwischengeschoben, aber es vermag einen nicht wirklich zu beruhigen, zumal am Ende dieses superkurzen Kapitels die Falle endgültig zuschlägt; man hängt am Haken, und Stella nun eindeutig auch.

Die Sprache ist zart und fein, deutet vieles nur an, aber sie ist auch genau und unerbittlich. Nach der beschriebenen Zuspitzung des Konflikts wird die Person des Mister Pfister konkreter. Stella stellt sich vor, wie er aufwacht, wie er wohnt, lebt und verworrenes Zeug denkt. Sie besucht ihn. Wie wird das enden? Das ist durchaus spannend, und es treibt mich, weiter zu lesen. Aber immer wieder gibt es Passagen, die ich eigentlich langsamer lesen möchte, zum Beispiel, wenn Stella (sie ist Altenpflegerin) bei ihren eigenwilligen Patienten ist. Es ist kein Buch für die überfüllte S-Bahn; es verdient konzentriertes Lesen mit Raum zum wirken lassen. Dann ist es eine sehr lohnende Lektüre.

„Seit jenem Moment“, von Renate Ahrens

Mein drittes Buch von dieser Autorin. Sie hat es wieder geschafft hat, mich nach anfänglichen Irritationen hineinzuziehen. Die ersten Seiten fand ich aufgrund der etwas verwirrenden Familienverhältnisse nicht einfach zu lesen. Außerdem störte es mich ziemlich schnell, dass bei fast jedem Gespräch (und es gibt viele Dialoge!) so ausufernd Auslassungspünktchen auftauchen …

Aber die Geschichte ist wieder gut. Paula, eine junge Frau aus Hamburg gerät in eine Krise, weil ihr Vater einen Selbstmordversuch verübt hat und sie im Zuge dessen auf ein Tabu in ihrer Herkunftsfamilie stößt. Alle Familienmitglieder tragen schwer an dieser Last, jeder auf eine andere Art: Die Protagonistin, eine Malerin, gerät in eine schwere Schaffenskrise, ihr Vater ist sprachlos und unzugänglich, ihre Tante hat sich nach Irland geflüchtet. Im krassen Gegensatz dazu steht die Familie von Paulas Freund Jakob, alle sind herzlich und zugewandt. Mehr möchte ich vom Inhalt nicht verraten.

Es ist sicherlich ein Thema, das man weitaus üppiger, ausgefeilter hätte darstellen können, aber Renate Ahrens gelingt es in ihrer markanten, knappen Sprache dennoch, mich in die Geschichte dieser Familie zu verwickeln und mit ihr zu hoffen, dass die Dinge sich zum Guten wenden.

„Nur eine böse Tat“, von Elizabeth George

Sie ist einfach die Beste! Ich lese inzwischen kaum noch Krimis, die meisten sind mir zu blutig – aber die neue George ist wieder einmal ein Genuss von der ersten bis zur letzten Seite. Wie sie es schafft, die Spannung hochzuhalten (auf immerhin 862 Seiten), ist unglaublich. Über weite Strecken geht es noch nicht einmal um Mord und Totschlag, sondern um berufliche Harakiri-Aktionen von Barbara Havers und das langsam wieder erblühende Privatleben (nach dem Mord an seiner Frau Helen) von Thomas Lynley. Das kann sich nur ein Krimiautor erlauben, der einem die handelnden Personen richtig nahebringt.

Das ungleiche Ermittlerpaar, er adelig, groß, schlank und kultiviert, mit zumindest äußerlich geordnetem Leben, sie klein, stämmig und in jeder Beziehung gegen den Strich gebürstet – ständig dabei, sich von einer Bredouille in die nächste zu manövrieren – ist einem über die Jahre extrem ans Herz gewachsen. Meisterhaft schafft George es, uns die beiden und ebenso die Nebenfiguren und das (britische und italienische) Ambiente vor Augen zu führen. Ihre Romane sind akribisch recherchiert, (was auch der Umfang der Danksagungen am Ende des Buches eindrucksvoll belegt), und psychologisch äußerst geschickt aufgebaut. Wer könnte nicht nachvollziehen, wie schnell es doch geht, „nur eine böse Tat“ zu begehen!

Die Geschichte dreht sich um die Entführung der neunjährigen Haddiyah; das Mädchen wird zum Spielball der Auseinandersetzungen zwischen ihren Eltern und weiteren ihr nahestehenden Erwachsenen. Barbara Havers liegt das Kind ganz besonders am Herzen, ist sie doch die Tochter ihres Nachbarn und Freund (oder mehr?) Azhar. Um das Mädchen zu finden, setzt sie alle Hebel in Bewegung, koste es, was es wolle …

Auch meisterhaft von George: sie schafft es jedes Mal, Spuren zu legen, die einen ungeduldig ihren nächsten Roman erwarten lassen.

Kürzlich hatte ich mal die Idee einer Gegenüberstellung: Elizabeth George vs. Nele Neuhaus, zwei überaus erfolgreiche Autorinnen und ihr Erfolgsgeheimnis. Wie werden Personen beschrieben, wie wird man ins Geschehen gezogen, wie verläuft der Spannungsbogen? Nach der Lektüre des aktuellen George-Titels habe ich mich davon verabschiedet – zu groß ist der Klassenunterschied – wen ich für besser halte, dürfte ja wohl keine Frage sein …

 

 

„Der Circle“, von Dave Eggers

Eigentlich wollte ich dieses Buch nicht lesen. Facebook und Twitter interessieren mich nicht, meine Nutzung der digitalen Medien hält sich in überschaubaren Grenzen. Von Vernetzungswahn, dem Thema des Buches, bin ich meilenweit entfernt. Soweit die Theorie. Nach der Lektüre des „Circle“ sehe ich das alles ein wenig anders. Habe ich nicht schon öfters Google erlaubt, meinen aktuellen Standort zu verwenden? Bekomme ich nicht passgenaue Werbung und eine auf mich abgestimmte Ergebnisliste beim Suchen? Kann ich nicht bei WhatsApp sehen, ob und wann mein Gesprächspartner online ist?

Der Inhalt:

Die 24-jährige Mae ist überglücklich, als sie einen Job beim coolsten Unternehmen der Welt ergattert, beim Circle, einem IT-Unternehmen in Kalifornien, das seinen Mitarbeitern alles bietet, wovon man nur träumen kann: tolle Büros, kostenlose Gourmet-Mahlzeiten, Konzerte von angesagten Popstars auf dem Firmen-Campus und vieles mehr. Der Circle hat sich auf die Fahne geschrieben, alle Mitglieder mit einer einzigen Internet-Identität auszustatten. Keine unterschiedlichen Namen mehr für unterschiedliche Dienste, keine kompliziert zu merkenden Codes. Ständig erfindet oder kauft der Circle neue Programme, die den Menschen das Leben erleichtern sollen. Wichtigstes Ziel: alle sollen transparent sein, denn fördert es nicht in jedem Menschen nur das beste zutage, wenn er sich ständig beobachtet weiß? Vieles, was der Circle propagiert, klingt auf den ersten Blick einleuchtend, praktisch und sinnvoll. Wollten wir nicht immer schon wissen, was unsere Politiker so treiben? Wie es unserer alten, gebrechlichen Mutter geht, die wir viel zu selten besuchen können? Was unsere Kinder machen, ob sie in Sicherheit sind?

Doch wie ein gefräßiger Hai verleibt der Circle sich nach und nach alles Leben um sich herum ein, beraubt seine Anhänger jeglicher Privatsphäre, versklavt sie täglich mehr. Und sie folgen bedingungslos, blind, begeistert.

Wird Mae rechtzeitig zur Besinnung kommen? Werden WIR merken, wenn Grenzen überschritten werden und points of no return erreicht werden?

„Der Circle“ ist ein kühler, amerikanischer Roman, der sich gut weg liest. Er hinterlässt den Leser sehr, sehr nachdenklich und um einiges wachsamer als zuvor.