Eine namenlose Protagonistin erzählt, wie sie ihrer Trauer und Verzweiflung nach einem erschütternden Verlust zu entkommen sucht – durch permanentes Laufen – mit erst kurzen, dann immer längeren Strecken. Das alles geschieht in einem Monolog, atemlose zweihundert Seiten lang. Es beginnt mit „Ich kann nicht mehr, meine Beine sind wie Sandsäcke“, und sofort ist man mit auf der Strecke und fühlt die Anstrengung. Zunächst geht es auch ausschließlich ums Laufen und die zahlreichen damit verbundenen Befindlichkeiten. Wie erwähnt, alles als Monolog, und ich dachte nach kurzer Zeit, das will die Autorin zweihundert Seiten lang durchhalten? Aber tatsächlich bleibt es bei diesem fulminanten Schreibstil. Der einen wirklich mitreißt.
Im Verlauf wird langsam klarer, wovor die Erzählerin wegläuft. Vor Schuldgefühlen, vor vielen Fragen und fehlenden Antworten. Mit zunehmender Fitness und fortschreitender Zeit fühlt sich das Laufen etwas weniger anstrengend und atemlos an, und peu à peu verschieben sich auch die Schwerpunkte im Erzählen. Man merkt, das Leben ergreift langsam, ganz langsam, wieder Besitz von der Trauernden. Und zunehmend gewinnt die Protagonistin ihren Humor zurück, das tut richtig gut.
Die Dauerläuferin ist Bratschistin in einem Hamburger Orchester. Und auch der Text hat etwas Musikalisches mit seinen Tempowechseln und den sich wiederholenden Themen. Toll beschrieben ist die Hilflosigkeit der Eltern, die Unverschämtheit der Schwiegereltern, der großartige Beistand der besten Freundin und die hilfreiche Unterstützung der Psychotherapeutin. Ich musste während der Lektüre oft an die mit Anna Schudt besetzte Verfilmung denken, die ich schon vor einiger Zeit gesehen hatte. Der Film ist ebenso sehenswert wie das Buch lesenswert. Der Roman hat mich wirklich begeistert, in jeder Hinsicht. Trotz oder gerade wegen der eingeschränkten Erzählperspektive, ich ziehe den Hut vor der Autorin!
