„Das Lügenhaus“, „Einsiedlerkrebse“, „Hitzewelle“– Trilogie von Anne B. Ragde

Ach, ich beneide jeden, der diese drei Bücher noch nicht gelesen hat. Im Zentrum der Geschichte steht eine Familie, die in Trondheim einen Bauernhof besitzt und ein düsteres Geheimnis mit sich herumträgt, das beim Tod der Mutter zutage tritt.

Die handelnden Charaktere, drei ungleiche Brüder und die uneheliche Tochter des einen, sind ungewöhnlich bis skurril, allesamt wachsen sie einem in Windeseile ans Herz. Da gibt es den schwulen Schöngeist Erlend mit seinem Lebenspartner, dem kugelrunden Krumme, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, Margido, den alleinstehenden, leidenschaftlichen Leichenbestatter, und den mundfaulen Schweinezüchter Torben mit seiner lange verheimlichten Tochter Torunn. Zu gerne würde er dieser einmal den Hof übergeben, ein Anspruch, der Torunn total überfordert, zumal sie ihren Vater ja erst vor kurzem kennengelernt hat und in Oslo lebt. Dieser Druck auf Torunn ist der traurigste Teil der Geschichte. Szenen des luxuriösen Schwulen-Haushalts in Kopenhagen wiederum sind zum Totlachen, ohne dass damit die beiden Männer bloßgestellt würden.

Mit liebevollem Blick auf menschliche Unzugänglichkeiten, alltägliche Schwierigkeiten und existentielle Lebensfragen zeichnet die Autorin das Porträt dieser etwas abgedrehten Familie. Selbst die Schweine schließt man ins Herz, sieht sie vor sich mit ihren „blauen Augen unter den kreideweißen Wimpern“ und ihren unterschiedlichen Naturellen. Das alles ist oft witzig und herzerwärmend, manchmal auch schwermütig und dunkel, aber immer zutiefst menschlich. Die Sprache zeichnet sich durch ungewöhnliche und originelle Beschreibungen und Bilder aus. Die Geschichte ist mitten aus dem prallen Leben und man wünscht sich, sie möge nie aufhören.

„Langsamer Abschied“, Roman von Irina Korschunow

Der Plot ist schnell erzählt: Der Mann der Ich-Erzählerin hat einen Unfall und fällt ins Koma. Kurz vorher hat es einen heftigen Streit gegeben, in dem der Mann offenbart, dass er eine lang verheimlichte Tochter hat, besonders bitter, da das Ehepaar gemeinsam keine Kinder bekommen kann. Der behandelnde Arzt verliebt sich in die Protagonistin, es dauert aber sehr lange, bis sie ihn in ihr Leben lässt.

Das Paar erlebt den Alptraum schlechthin, von einer Sekunde zur anderen ändert sich das Leben vollständig, nichts ist mehr wie es war. Die berührende Geschichte setzt mit der Beerdigung des Verunglückten ein und entblättert Stück für Stück die ganze Tragik des vergeblichen Kinderwunsches, der zur Obsession für die Frau wird und die große und lange Liebe zwischen den Ehepartnern auf eine harte Probe stellt. In einer für die Autorin typischen Sprache – knapp, fast lakonisch  („Utopisch offenbar, beides zu verlangen.“) wird beschrieben, wie sich die Erzählerin mit Selbstvorwürfen quält und gleichzeitig versucht, sich mit den neuen Gegebenheiten und ihren eigenen Ansprüchen an das Leben auseinanderzusetzen. Sehr überzeugend, sehr bewegend.

„Letzte“ Reise, Roman von Anna Enquist

Der Roman beschreibt das Leben von Elizabeth Cook, Frau des berühmten Entdeckers James Cook. Hat man den Klappentext vorher gelesen, so weiß man genau, was einen an Fakten erwartet: Elizabeth lebt im ständigen Wartestand und muss hinnehmen, dass ihr Mann entgegen seinen Versprechungen auch noch zu einer dritten Entdeckungsreise aufbrechen wird, von der er nicht zurückkehrt. Ebenso weiß man vorher, dass sie ihre sechs Kinder überleben wird.

Man könnte also sagen, die Spannung hält sich in Grenzen. Aber WIE dieses Frauenschicksal beschrieben ist, wie Elizabeth hofft, wartet, zweifelt, sich arrangiert („Ich muss mich freuen, dachte sie, das gehört sich so.“), und – besonders berührend, wie ihre lebenslange Sehnsucht nach ihrer einzigen Tochter geschildert wird, das ist einfach großartig. Die Sprache ist pointiert, spröde und kühl und transportiert doch unglaublich nachvollziehbar die tiefen Gefühle.

Tief taucht man in das 18. Jahrhundert ein, erfährt natürlich auch viel über die Entdeckungsreisen von Cook, verfolgt, mit welcher Hartnäckigkeit Elisabeth auf der Klärung der Umstände seines Todes beharrt. Am meisten berührt hat mich aber immer wieder aufs neue die Beschreibung ihrer widerstreitenden Gefühle: „Sie schwieg. Ein Monat. Das Haus würde sich plötzlich zu klein anfühlen, als passte es nicht. Ein großer Körper würde neben ihr im Bett liegen, die Nacht von unvermitteltem Knarren und Schnarchen erfüllt sein. Sie würde ihm gegenüber sitzen. Zögernd würden sie anfangen, ihre Geschichten zu erzählen, du zuerst, nein, lieber erst du.“

Nicht nur wer gerne Frauenbiografien liest, wird mit diesem Buch wunderbare Stunden verbringen.

„Geliebte Enkelin“, Erzählung von Noëlle Châtelet

Klar, dass ich als glückliche Großmutter einer knapp 2-jährigen Enkelin am Titel dieses Buches hängengeblieben bin. Zuerst war ich allerdings gar nicht so begeistert, empfand den Stil als ansatzweise schwülstig. Doch nachdem ich mich eingelesen hatte, packten mich die kleinen Schilderungen mehr und mehr. Der Autorin gelingt es wunderbar, die ganz besonderen Momente einzufangen, die das Zusammensein mit diesem kleinen Menschen, dem „Kind vom Kind“, mit sich bringt. „Die Zeit hat ein anderes Gesicht bekommen. Ich warte nicht mehr ungeduldig darauf, dich laufen zu sehen.“

Wie wahr – mit viel größerer Ruhe und Gelassenheit als einst beim eigenen Kind schaut man dem Enkelkind beim Wachsen und Welt erobern zu, gerührt, entzückt, begeistert, staunend und dankbar. Die kleinen Dinge rücken wieder ins Bewusstsein: das Herbst-Blättchen im Rinnstein, das aufgeklaubt werden will und dann voller Stolz an die Oma überreicht wird, der winzige Schalter, der sich so schwer bewegen lässt, und die Freude darüber, wenn es dann endlich funktioniert – das alles lässt einem das Herz aufgehen.

Wie sagt Châtelet doch so schön über ihre Enkeltochter: „Du bist mein Lieblingsprogramm! Mein Varietétheater, Zauberkünstlerin.“

Kaufen, lesen, an Großmütter verschenken!

„Die Wand“, Roman von Marlen Haushofer

Es fällt mir schwer, EIN Lieblingsbuch zu küren, aber zur Schar der liebsten Bücher gehört auf jeden Fall „Die Wand“ von Marlen Haushofer.

Eine Frau fährt mit Verwandten auf eine Jagdhütte, diese verschwinden und am nächsten Tag ist sie allein mit deren Hund mitten in den Bergen, abgeschnitten vom Rest der Welt – getrennt durch eine unsichtbare, durchsichtige Wand, hinter der kein Leben mehr ist.

Es klingt verrückt, aber der Leser gewöhnt sich schnell an das Vorhandensein dieser unglaublichen Begrenzung und verfolgt den Kampf der Frau ums Überleben, atemlos. Das Buch hat keine Kapitel, keine Absätze, es ist in einem Fluss geschrieben. Das klingt traurig, düster, hoffnungslos – langweilig?

Nichts von alledem! Obwohl es auf knapp dreihundert Seiten “nur” ums Überleben geht, beinhaltet dieses “nur” doch die tiefsten menschlichen Empfindungen zwischen bodenloser Verzweiflung, zufriedener Erschöpfung und innigen Glücksmomenten. Und fast unglaublich angesichts der verzweifelten Lage der Frau: schon bald ertappt man sich dabei, dass die Schilderung der unglaublichen Stille und der erzwungenen Rückkehr zum ganz einfachen, naturverbundenen Leben, Sehnsüchte weckt – fast wünschte man sich, ebenso reduziert auf das Wesentliche leben zu können. Dieser Frau dabei zuzusehen, wie sie ihr Haus bestellt, ihre Tiere pflegt, ihre einsamen Tage strukturiert und sich völlig im Einklang mit der Natur befindet, es hat etwas ungemein Tröstliches und Beruhigendes. Ein unglaubliches Buch!

Das Buch galt lange als unverfilmbar. Nun hat es doch einer gewagt. Ich habe mir den Film zusammen mit meinem Mann, der das Buch nicht kennt, angesehen. Meine Meinung dazu finden Sie unter Kinotipp.