Der Titel des Buches und das Cover geben schon einen Hinweis darauf, um welches Thema es hier geht – das Foto des Suchdienstes vom DRK zeigt einen kleinen Jungen, der schmutzig und barfuß, völlig verloren in die Kamera schaut, herzzerreißend. Kinder, die in den Wirren der deutschen Nachkriegszeit ihre Eltern und Geschwister verloren haben, wuchsen in Kinderheimen oder bei Pflegeeltern auf und viele von ihnen haben unfassbares Leid erfahren, wurden geschlagen, erniedrigt, sexuell missbraucht und als Versuchskaninchen für Psychopharmaka benutzt.
Abel erzählt die (fiktive) Geschichte von Hardy und Margret, die sich als Kinder in einem dieser Heime begegnen. Margret, die etwas Ältere, kümmert sich fortan um Hardy. Die beiden verlieren sich zwar vorübergehend aus den Augen, doch ein Zufall führt sie wieder zusammen, und ab da verbringen sie ihr Leben gemeinsam, beide schwer gezeichnet von den Traumata ihrer Kindheit, die sie mal mehr, mal weniger gut verdrängen können. Sie versuchen ein normales Leben zu führen, doch auch auf die nachfolgenden Generationen, Tochter Sabine und Enkelin Julia, wirkt sich das Erlebte aus. Urenkelin Emily lebt bei Margret und Hardy, da Julia sich nicht gut um ihre Tochter kümmern kann.
Abel lässt nichts aus an schrecklichen Themen jener Zeit, sie stellt ihrem Buch ein Vorwort voran, in dem sie sensible Leser warnt. Und ja, es ist wirklich starker Tobak! Der Roman spielt auf verschiedenen Zeitebenen. Obwohl es über 500 Seiten sind, ist er an keiner Stelle langweilig, gebannt will man immerzu weiterlesen. Abel schreibt schnörkellos und gut lesbar, der Plot ist super konstruiert. Als kleines Manko empfinde ich die dünne Beschreibung der Beziehung von Margret und Hardy zu Tochter und Enkelin. Beide haben große Probleme, aber ihre Entwicklung und der Zusammenhang zu den Traumata der Eltern bzw. Großeltern wird nicht hergestellt. Die Schlusskapitel empfinde ich als etwas überhastet. Aber das ändert nichts an dem überaus positiven Gesamteindruck. Es ist ein erschütterndes, aber auch ein sehr wichtiges Buch!
