„Seit jenem Moment“, von Renate Ahrens

Mein drittes Buch von dieser Autorin. Sie hat es wieder geschafft hat, mich nach anfänglichen Irritationen hineinzuziehen. Die ersten Seiten fand ich aufgrund der etwas verwirrenden Familienverhältnisse nicht einfach zu lesen. Außerdem störte es mich ziemlich schnell, dass bei fast jedem Gespräch (und es gibt viele Dialoge!) so ausufernd Auslassungspünktchen auftauchen …

Aber die Geschichte ist wieder gut. Paula, eine junge Frau aus Hamburg gerät in eine Krise, weil ihr Vater einen Selbstmordversuch verübt hat und sie im Zuge dessen auf ein Tabu in ihrer Herkunftsfamilie stößt. Alle Familienmitglieder tragen schwer an dieser Last, jeder auf eine andere Art: Die Protagonistin, eine Malerin, gerät in eine schwere Schaffenskrise, ihr Vater ist sprachlos und unzugänglich, ihre Tante hat sich nach Irland geflüchtet. Im krassen Gegensatz dazu steht die Familie von Paulas Freund Jakob, alle sind herzlich und zugewandt. Mehr möchte ich vom Inhalt nicht verraten.

Es ist sicherlich ein Thema, das man weitaus üppiger, ausgefeilter hätte darstellen können, aber Renate Ahrens gelingt es in ihrer markanten, knappen Sprache dennoch, mich in die Geschichte dieser Familie zu verwickeln und mit ihr zu hoffen, dass die Dinge sich zum Guten wenden.

„Ferne Tochter“, von Renate Ahrens

Nach „Fremde Schwestern“ habe ich mir gleich das nächste Buch von Renate Ahrens vorgenommen: „Ferne Tochter“. Es ist ja immer ein gewisses Wagnis, wenn man von einem Buch angetan ist und mehr von der Autorin lesen will. Und prompt war ich anfangs nicht so begeistert, dachte, diese Geschichte hat nicht so viel mit meinem Leben zu tun wie die andere, in der ich mich so gut in die ordnungsliebende und planvolle Protagonistin einfühlen konnte, und die siebenjährige Merle mich ständig an meine Enkelinnen denken ließ.

Aber dann war ich zunehmend berührt davon, wie die Ich-Erzählerin Judith nach Jahren bewusster Distanz die Beziehung zu ihrer Mutter wieder aufleben lässt. Ein Anruf aus Deutschland, den sie im fernen Rom erhält, macht ihr klar, dass es dafür höchste Zeit ist. Ohne ihren Mann Francesco, mit dem sie seit Jahren glücklich, aber zu ihrer beider Bedauern, kinderlos verheiratet ist, bricht Judith auf für einen Besuch in Hamburg – im Gepäck ein Geheimnis, das sie jahrelang sorgfältig vor ihrem Partner gehütet hat.

Die Zusammenkünfte mit ihrer kranken Mutter schildert sie schonungslos ehrlich, mit all ihren widersprüchlichen Gefühlen. Dabei wird nach und nach aufgeblättert, was Mutter und Tochter entzweit hat. Der Titel „Ferne Tochter“ ist doppeldeutig. (Ich hätte es nicht verraten, aber der Text der Umschlagklappe weist darauf hin). Es gibt also noch eine Mutter-Tochter-Geschichte, und wie die Autorin diese beiden Geschichten miteinander verknüpft und in einem Bogen am Ende zusammenführt, das ist wirklich sehr gelungen. Und sehr berührend, nur selten treibt mir ein Buch die Tränen in die Augen, hier war es so.

Ein drittes Buch von Renate Ahrens „Seit jenem Moment“ liegt schon hier. Ich möchte es mir ein wenig aufheben, mal eine Pause einlegen von der kargen, nüchternen Schreibweise. Auch wenn sie mir sehr gut gefällt, und sie diese Autorin so besonders macht. Aber der Stil ist so eindringlich, dass ich den Wunsch nach Abwechslung habe. Momentan steht mir der Sinn mehr nach fließenden, weich schwingenden Satzkonstruktionen (à la Zsusza Bánk). Nach zwei, drei anderen Romanen werde ich mich sicher wieder auf Renate Ahrens freuen.

 

„Das Lügenhaus“, „Einsiedlerkrebse“, „Hitzewelle“– Trilogie von Anne B. Ragde

Ach, ich beneide jeden, der diese drei Bücher noch nicht gelesen hat. Im Zentrum der Geschichte steht eine Familie, die in Trondheim einen Bauernhof besitzt und ein düsteres Geheimnis mit sich herumträgt, das beim Tod der Mutter zutage tritt.

Die handelnden Charaktere, drei ungleiche Brüder und die uneheliche Tochter des einen, sind ungewöhnlich bis skurril, allesamt wachsen sie einem in Windeseile ans Herz. Da gibt es den schwulen Schöngeist Erlend mit seinem Lebenspartner, dem kugelrunden Krumme, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, Margido, den alleinstehenden, leidenschaftlichen Leichenbestatter, und den mundfaulen Schweinezüchter Torben mit seiner lange verheimlichten Tochter Torunn. Zu gerne würde er dieser einmal den Hof übergeben, ein Anspruch, der Torunn total überfordert, zumal sie ihren Vater ja erst vor kurzem kennengelernt hat und in Oslo lebt. Dieser Druck auf Torunn ist der traurigste Teil der Geschichte. Szenen des luxuriösen Schwulen-Haushalts in Kopenhagen wiederum sind zum Totlachen, ohne dass damit die beiden Männer bloßgestellt würden.

Mit liebevollem Blick auf menschliche Unzugänglichkeiten, alltägliche Schwierigkeiten und existentielle Lebensfragen zeichnet die Autorin das Porträt dieser etwas abgedrehten Familie. Selbst die Schweine schließt man ins Herz, sieht sie vor sich mit ihren „blauen Augen unter den kreideweißen Wimpern“ und ihren unterschiedlichen Naturellen. Das alles ist oft witzig und herzerwärmend, manchmal auch schwermütig und dunkel, aber immer zutiefst menschlich. Die Sprache zeichnet sich durch ungewöhnliche und originelle Beschreibungen und Bilder aus. Die Geschichte ist mitten aus dem prallen Leben und man wünscht sich, sie möge nie aufhören.