Der Stift und das Papier, von Hanns-Josef Ortheil

„Wer sich für die Kunst des Schreibens interessiert, kommt an diesem wunderbaren Buch nicht vorbei.“ Dieses Zitat ist nicht von mir, könnte es aber sein 😉 Aber es gibt noch mehr Gründe, warum dies ein absolut lesenswertes Buch ist. Ortheil (einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartsautoren) schreibt über die schwierigen und zugleich faszinierenden Anfänge seines Schreibens. Da er im Schulalter noch nicht gesprochen hat und zum Versager zu werden drohte, hat sein Vater sich ein kreatives Lernprogramm für ihn ausgedacht und ihn in einer Art Schreibschule selbst unterrichtet.

Ortheil versetzt sich zurück in diese Zeit und erzählt von Aha-Erlebnissen, von ersten Erfolgen und der sich langsam, aber stetig entwickelnden Passion. Er beschreibt die liebevollen und ungewöhnlichen Lehrmethoden des Vaters (später auch die der Mutter), schildert die Bedeutung der von ihm täglich verfassten Chroniken (die er bis heute beibehalten hat!) und entdeckt mit dem Leser gemeinsam die Welt der Sprache, zum Beispiel die Vielfalt der Dialoge – so gibt es neben „Allerweltsdialogen“ auch „Knisterdialoge“ – ein Ausdruck, der mir besonders gut gefällt.

Schreibend sich die Welt zueigen machen – man muss sich ja gar nicht für die Kunst des Schreibens interessieren, um die Wucht dieses faszinierenden Prozesses zu erfassen – es betrifft uns alle und unseren Weg ins Leben. Hier ist dieser Weg auf eine wunderbare Art und Weise beschrieben. Ich ziehe den Hut vor Ortheils Eltern, die ihm diese „Reise“ mit so viel Liebe, Engagement und Kreativität ermöglicht haben.

Wenn man Ortheil mag und wenn man seine Biografie kennt – die Eltern hatten vier seiner älteren Brüder verloren, darüber verstummte die Mutter und damit auch er als einzig verbliebener Sohn – dann geht diese Geschichte einem wirklich unter die Haut. Bei mir hat das Buch bewirkt, dass ich wieder mit einem großformatigen, geschriebenen, bemalten und beklebten Tageskalender (einer Chronik) begonnen habe. Die Tage werden dann „bewusster erlebt“ und jeder Tag wird zu einem „unverwechselbaren und einzigartigen Erlebnis“. Er weiß, wie’s geht, der Herr Ortheil!

 

 

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