„Blind Date mit der Liebe,“ von Kari Lessir

Das Buch behandelt ein interessantes Thema – die Liebe zwischen einer 51+XieF6-kLSehenden und einem Blinden. Die (mir persönlich bekannte) Autorin hat zum Buch selbst auch eine spannende Geschichte erzählt, dazu später mehr. Zum Inhalt: Nina, eine selbstbewusste, sportliche Frau Anfang Dreißig, kollidiert beim Joggen mit einem Mann, der sie energisch zusammenfaltet – was sie nicht bemerkt: er ist blind. Als sich die beiden kurz darauf abermals begegnen, wird ihr das aber schnell klar. Obwohl Jan ihr sympathisch ist, lässt sie sich nur zögernd auf eine Verabredung mit ihm ein. Zu viele Fragen sind damit verknüpft. Kann sie sich wirklich eine Beziehung mit einem Blinden vorstellen, mit jemandem, der auf ihre Hilfe angewiesen ist? Hat sie sich nicht immer einen richtigen Kerl gewünscht, einen, an den sie sich anlehnen kann?

Auch Jan, der – dank großartiger Unterstützung seines Bruders und mithilfe seines Blindenhunds Linus – im Alltag inzwischen gut zurechtkommt, ist unsicher, fühlt sich aber von Nina sehr angezogen. Als die beiden eine vorsichtige Annäherung wagen, kommt es zu dramatischen Ereignissen, die die schwierige Ausgangssituation noch einmal erheblich verschärfen. (Für meinen Geschmack etwas zu dramatisch).

Machen wir Sehenden uns über die praktischen Schwierigkeiten eines Blinden schon keine Vorstellung, so erst recht nicht über das Gefühlsleben: die mit der Behinderung verbundenen Ängste, Unsicherheiten und Befürchtungen. Diese fremde Welt bringt Lessir uns auf unterhaltsame, flott geschriebene Art und Weise gut näher. Ebenso die Aufgaben eines Blindenhunds, Linus schließt man schnell ins Herz.

Die Autorin hat erzählt, dass sie das Buch vor vielen Jahren unter anderem Titel veröffentlicht hat: Aus dem Blick – ein Titel, der mir außerordentlich gut gefällt. Bei „Blind Date mit der Liebe“ gehen bei mir andere Lampen an. Aber unter dem neuen Titel (allerdings auch mit neuem Cover und inhaltlich überarbeitet) verkauft sich das Buch viel besser. Da wüsste man doch zu gern, wo dran es nun genau gelegen hat …

 

„Die Spuren meiner Mutter“, von Jodi Picoult

 

Toll, ein Buch von Jodi Picoult, das ich noch nicht kenne! So dachte ich, als ich in der Stadtbibliothek „Die Spuren meiner Mutter“ entdeckte. Sehr 4107vgqqwil-_sx313_bo1204203200_interessant sind (fast) alle Passagen, in denen es um die Elefanten geht; und es steckt mit Sicherheit aufwändige Recherche dahinter – ich wünschte, ich hätte all diese Kenntnisse über Elefanten gehabt, bevor wir seinerzeit in Namibia waren. Aber das ist auch so ziemlich das einzig Positive. Nachdem ich mich bis zur Hälfte (505 Seiten!) durchgemüht habe, wurde es im zweiten Teil besser – aber nicht wirklich gut. Vor allem das Ende ist ein ärgerlicher Twist, bei dem ich mich als Leser veräppelt fühle.

Wenn man bis zum Ende der Geschichte durchhält, versteht man, warum Picoult dem Verhalten der Elefanten einen so großen Stellenwert gibt – aber es ist (mir) alles eine Spur zu gedrechselt, zu langatmig – und in Anbetracht ihrer super Romane (Beim Leben meiner Schwester, Neunzehn Minuten) fand ich diesen einfach nur enttäuschend. Ich bin ärgerlich auf mich, dass ich bis zum Schluss durchgehalten habe, und auf die Autorin, dass sie ein Buch mit solchen Längen vorlegt, neben den erwähnten anderen Schwächen.

„Vom Ende der Einsamkeit“, von Benedict Wells


Es ist schon ziemlich lange her, dass mich ein Buch so (zu Tränen) gerührt hat.

Wie Wells es schafft, seine traurige Geschichte so enden zu lassen, dass man das Buch zum Schluss nicht imagestraurig weglegt, das ist großartig. Selten habe ich das Nebeneinander von Leben und Tod so eindrücklich empfunden. Es geht um nicht mehr, aber auch nicht weniger, als um die Fülle des Lebens. Also auch um eine große Liebe.

Die drei Geschwister Marty, Liz und Jules, der jüngste, der Ich-Erzähler, müssen den frühen Unfalltod ihrer Eltern verkraften. (Kein Spoiler: steht auf dem Umschlagtext.) Aus einer behüteten, glücklichen Kindheit werden sie jäh herausgerissen. Sie kommen zwar auf dasselbe Internat, werden sich aber doch immer fremder. Jeder der drei versucht auf seine Weise, mit dem Verlust der Eltern klarzukommen. Hilfe werden sie sich erst sehr viel später geben können. Doch bis dahin passiert noch so einiges …

Wells erzählt in einfacher, oft geradezu poetischer Sprache. Als ein Beispiel eine schöne Passage über den Vater: Das Geheimnis war seine Stimme: nicht zu sanft, nicht zu tief, nicht zu hoch, sein Akzent nur angedeutet, wie ein unsichtbares Lasso legte sie sich um seine Zuhörer und zog sie näher zu sich heran.

Das Buch entwickelt einen regelrechten Sog. Eine ergreifende Geschichte, ein wunderbarer Familienroman, traurig wie tröstlich zugleich. Lesen!

 

„Drehtür“, von Katja Lange-Müller

Eine Frau Mitte Sechzig blickt auf ihr Leben zurück. Man hat sie aus ihrem Berufsleben als Krankenschwester im Dienst internationaler images-1Hilfsorganisationen gedrängt, geradezu gemobbt; nun findet sie sich in der Drehtür des Münchner Flughafens wieder und fragt sich, wie es weitergehen soll mit ihrem Leben. Im lebhaften Treiben der Halle fallen ihr immer wieder einzelne Personen in den Blick, die sie an Menschen aus den vergangenen Jahren erinnern. Und so erzählt sie die Geschichten, die
sie mit ihnen erlebt hat, Skurilles wie Trauriges, Verrücktes w
ie Witziges.

Katja Lange-Müller ist eine hoch dekorierte, mit zahlreichen Stipendien geförderte Schriftstellerin. „Drehtür“ wurde sehr gelobt. Das macht ja immer neugierig. Und ihr Umgang mit Sprache ist in der Tat bemerkenswert, sie seziert einzelne Worte, wirft einen neuen Blick darauf, und so manches Mal dachte ich, sie hat recht, es ist wirklich ein seltsames Wort für das, was wir darunter verstehen. Ihre Erzählweise ist bissig, oft mit herrlich trockenem Humor. Die meisten Episoden sind interessant und lesenswert, aber das ganze wirkt eher wie eine Ansammlung von Kurzgeschichten, mir fehlt etwas der Zusammenhang. Doch mit Hilfe einer Rezension erkenne ich die beabsichtigte Klammer: „Mit jeder Episode variiert sie das höchst aktuelle und existenzielle Thema: das Helfen und seine Risiken.“

Das Ende befremdet mich etwas. Es schließt nichts, öffnet aber auch nichts. Allerdings hat die Autorin erreicht, dass ich darüber grüble und im x-ten Ansatz auch einen Sinn darin finde. Fazit: Sprachlich teilweise bemerkenswert, aber die Geschichte als ganzes berührt mich nicht wirklich.

„Über uns der Himmel, unter uns das Meer“, von Jojo Moyes

Schöner Schmöker gefällig? Dass Moyes gut schreiben kann, hat sie mit 514n9c1oz-l-_sx319_bo1204203200_ihrem Bestseller „Ein ganzes halbes Jahr“ bewiesen. Im aktuellen Buch geht es um einen brisanten Bräute-Transport von Australien nach England im Jahr 1946. Über sechshundert Frauen machen sich auf die ungewisse Reise übers Meer, zu ihren Verlobten oder Ehemännern, die sie teilweise kaum gekannt haben, bevor der Krieg sie trennte. Nicht alle werden ihr Ziel erreichen …

Die Geschichte beginnt etwas verwirrend, und ich habe ein wenig ungeduldig darauf gewartet, dass das Schiff endlich ablegt und seine lange Reise über die Weltmeere antritt. Es ist kein Passagierdampfer, wie von den Frauen erwartet, sondern ein ausgemusterter Flugzeugträger, mit einem gesundheitlich angeschlagenen Kapitän, der befürchtet, ebenfalls ausgemustert zu werden. Die alte Lady, die HMS Victoria, mit ihren Hangars, Decks, Kajüten und Maschinenräumen wächst einem in Windeseile ans Herz. Man bewegt sich auf den verschiedenen Ebenen, riecht förmlich das Maschinenöl und sieht die zum Trocknen aufgehängte Unterwäsche der Damen im Wind flattern – natürlich an nicht dafür vorgesehenen Plätzen. Spannungen jeglicher Art bleiben nicht aus, zwischen den Bräuten, aber natürlich auch zwischen den weiblichen Passagieren und der männlichen Schiffsbesatzung. Und eine Passagierin, die verschlossene Krankenschwester Frances, umgibt ein Geheimnis.

Das ist locker und flüssig geschrieben, mit mäßiger Spannung, aber mich hat fasziniert, wie sehr ich in das Leben auf dem Schiff eingetaucht bin. Ich kann mir wunderbar eine Verfilmung vorstellen, auch wenn die Geschichte nichts mit der „Titanic“ oder dem „Boot“ zu tun hat, musste ich öfters an diese beiden Filme denken. Also: wunderbare Unterhaltung!

 

„Rausch der Verwandlung“, von Stefan Zweig

Es ist ein bisschen wie bei Aschenputtel, aber eben auch nur ein bisschen: 51tzfdkjjl-_sx310_bo1204203200_Christine, eine in ärmlichsten Verhältnissen lebende Postassistentin in einem kleinen österreichischen Dorf nach dem Ersten Weltkrieg, bekommt von ihrer reichen Tante völlig überraschend eine Einladung zu Urlaubstagen in einem Schweizer Luxushotel. Wie im Märchen erlebt Christine dort eine wundersame Verwandlung – von der Tante großzügig neu eingekleidet, blüht das verhärmte Mädchen von Tag zu Tag mehr auf und stürzt sich in einen Strudel leidenschaftlicher Begeisterung für die luxuriöse Umgebung und all die herrlich anzusehenden Menschen; bald ist sie begehrter Mittelpunkt im Treiben der Schönen und Reichen. Als man sie fälschlicherweise für die reiche Erbin der adeligen Tante hält, lässt sie die Umwelt in diesem Glauben.

Doch es gibt auch Neider, ihre wahre, bettelarme Herkunft bleibt nicht verborgen, und schon vor Ablauf der zwei Wochen platzt der Traum wie eine Seifenblase. Wieder zurück in ihrem engen, ärmlichen Leben, kommt Christine überhaupt nicht mehr zurecht mit ihrem Alltag, dem verhassten Arbeitsplatz, den miefigen Wohnverhältnissen, den sie umgebenden Menschen und der alles erdrückenden Armut. Da lernt sie plötzlich den ebenfalls vom Leben gebeutelten Ferdinand kennen. Die beiden beginnen eine Beziehung miteinander, die einen so ganz anderen Verlauf nimmt als der eines klassischen Liebespaares …

In emotionaler, bildhafter, poetischer Sprache (für unseren heutigen Geschmack manchmal schwülstig) beschreibt Zweig die ärmlichen Lebensumstände der Nachkriegsjahre ebenso wie das Leben im Luxushotel und den Rausch des Reichtums. Für Zweig eher ungewöhnlich enthält die Geschichte viel Sozialkritik. Er schaut genau hin, beschreibt minutiös. So nimmt er sich für die Beschreibung kindlicher Freude und unbändiger Lust am Lachen eine ganze Seite – ich habe mich zurückversetzt gefühlt in die unbeschwerten Jahre der Kindheit und Jugend:

„ (…), wie leicht, wie locker dies Lachen damals in der Kehle gesessen, ganz nah war es immer, es kitzelte nur so unter der Haut, es quirlte und gärte im Blut; nur anzuschütteln brauchte man und schon kollerte es über die Lippen. Festhalten musste man sich (…) und die Lippen beißen, damit es nicht losknatterte (…) Denn jedes Nichts kitzelte damals dieses schaumige, sich selbst übersprühende Kleinmädchenlachen heraus. (…) Man war ja so randvoll mit Lachen geladen, dass es bei jedem Funken explodierte.“

Spannend, eindringlich, lesenswert!

„Die Welt von Gestern, Erinnerungen eines Europäers“, von Stefan Zweig

Es ist ein tolles Werk, um in die Welt vor mehr als hundert Jahren einzutauchen und das damalige Zeitkolorit ein wenig besser zu verstehen. Aber es gibt auch Dinge, die mich stören …

Zweig, der zu Lebzeiten zu den meistgelesenen Autoren gehörte, widmet 51np4yflanl-_sx315_bo1204203200_sich einem Europa im Umbruch und in Zeiten zweier Weltkriege – den Jahren zwischen 1880 und 1940. Er berichtet über seine Kindheit und Jugend im beschaulichen Österreich, seine Entwicklung zum gefeierten Schriftsteller, den Wechsel von der Monarchie zur totalitären Schreckensherrschaft und seine Jahre im Exil. An seinem Beispiel wird deutlich, wie sehr die Intellektuellen und Künstler jener Zeit unter den neuen Machthabern zu leiden hatten. Sein Scheinwerfer richtet sich stark auf diesen Aspekt, immer wieder betont er, wie unpolitisch er ist.

Das liest sich alles spannend, und man erfährt staunend, mit welchen Künstlergrößen der damaligen Zeit Zweig Kontakt hatte, mit vielen war er gut befreundet. Sigmund Freud, Rainer Maria Rilke, Max Reger, Auguste Rodin, Richard Strauß – um nur einige zu nennen. Besonders seine Begegnungen mit dem scheuen Ästheten Rilke und die Szene in Rodins Bildhauer-Atelier haben mich sehr berührt.

Aber: Da sind zum Beispiel die Bandwurmsätze, in denen es vor Namen nur so wimmelt. Dann die fehlende Erwähnung seiner beiden Ehefrauen – er wird alles Private bewusst ausgespart haben, aber an den wenigen Stellen, wo er ein „Wir“ überhaupt erwähnt, wüsste man doch gern, wer „Wir“ ist. Und eine gewisse Selbstgefälligkeit des Autors lässt sich nicht leugnen. Seitenlang analysiert er die Gründe für seinen außerordentlichen Erfolg. „Neun Zehntel aller Bücher finde ich mit überflüssigen Schilderungen, geschwätzigen Dialogen und unnötigen Nebenfiguren zu sehr ins Breite gedehnt.“ Es folgt eine ausführliche Beschreibung der Art und Weise, wie er das „mitreißende Tempo“ in seinen Büchern erreicht. Das ist lehrreich und lohnend, aber ich finde nicht, dass er das in dem vorliegenden Buch beherzigt hat. Seine Sprache ist (aus heutiger Sicht) oft schwülstig, und es gibt Passagen, die ich mühsam fand zu lesen, die ich zu ausschweifend fand. Ich werde auf jeden Fall noch mal seine Romane und Erzählungen lesen und sie auf den Aspekt„mitreißendes Tempo“ hin kritisch prüfen 😉

Dennoch: Ein sehr lohnenswertes Buch!

„Großer Bruder“, von Lionel Shriver

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Wieder ein gutes (aber nicht sehr gutes) Buch von Lionel Shriver, einer fantastischen Schriftstellerin mit provokanten Themen. Ihr bekanntester Titel „Wir müssen über Kevin reden“ ist genial. In „Großer Bruder“ geht es um das Thema Fettsucht, genauso aber auch um Magerwahn und Diätterror in all seinen Ausprägungen – also um unseren heutigen Umgang mit Ernährung. Aber es geht auch um die Frage, wie viel bin ich bereit zu opfern, um einem Familienmitglied zu helfen.

Die Ich-Erzählerin Pandora hat ihren großen, von ihr sehr verehrten Bruder Edison, lange nicht gesehen. Als er sich für einen Besuch bei ihrer Familie anmeldet und sie ihn am Flughafen abholt, erwischt es sie eiskalt: Er ist unfassbar in die Breite gegangen, wiegt über 150 kg! Diese Szene ist ganz großes Kino, ebenso das nachfolgende Zusammentreffen Edisons mit Pandoras Patchworkfamilie. Bald stellt sich heraus, dass das Übergewicht nicht Edisons einziges Problem ist, er hat jahrelang an seiner Lebenslüge des erfolgreichen Musikers gestrickt. Pandoras asketischer Ehemann Fletcher und Edison verhaken sich schnell und gründlich, auch ihr Stiefsohn ätzt gegen Edison, nur ihre Stieftochter sieht den Menschen in ihrem Onkel.

Shriver ist schonungslos ehrlich in ihren Beobachtungen und Darstellungen, das schätze ich so an ihr. Sie liebt überraschende Wendungen, das ist auch bei „Großer Bruder“ nicht anders. Dieses Mal hat sie mich aber nicht so überzeugt, weder mit der gesamten Geschichte noch mit dem Ende. Dennoch ist es ein lesenswertes Buch.

Ihr Bruder ist durch Fettleibigkeit zu Tode gekommen, das hat sie zu diesem Thema inspiriert. In einem Interview erklärt sie, wie viel Autobiografisches die Geschichte enthält. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/neuer-roman-interview-mit-lionel-shriver-12870469.html

„Der Trafikant“, von Robert Seethaler

Was für ein wunderbares kleines Büchlein! Leicht und locker zu lesen, aber so viel darin! Spätsommer 1937: Der siebzehnjährige Bauernbub Franz wird von seiner Mutter nach Wien geschickt, um eine Lehre in eine41eZbCSNiLL._SX314_BO1,204,203,200_r „Trafik“, einem kleinen Tabak- und Zeitungsgeschäft, zu beginnen. Dort macht er die Bekanntschaft des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freund, der ihn sofort fasziniert. Franz erhofft sich Antworten auf drängende Fragen, denn er hat sich erstmals verliebt–und zwar rettungslos.

In einer geschickten Konstruktion entwickeln sich zwei gegenläufige Linien: Während Franz sich vom einfachen Bauernbub mehr und mehr zum aufgeschlossenen Mann entwickelt, geht es mit der politischen Entwicklung stetig bergab. Franz liest, lernt, begreift: „Es war eine Ahnung, die da zwischen den vielen Druckbuchstaben herausraschelte, eine kleine Ahnung von den Möglichkeiten der Welt.“ Täglich weiß er mehr, sieht mehr, riecht mehr, schmeckt mehr. Erfasst Franz die Dinge zu Beginn noch eher intuitiv, so zeugt die Korrespondenz mit seiner Mutter – zunächst Postkarten, dann Briefe, weil Karten nicht mehr reichen – von stetig wachsendem Bewusstsein und einer Klugheit, die das Leben zwar reicher, aber nicht unbedingt einfacher macht .„Wer nichts weiß, hat keine Sorgen, (…) aber wenn es schon schwer genug ist, sich das Wissen mühsam anzulernen, so ist doch noch viel schwerer, wenn nicht sogar praktisch unmöglich, das einmal Gewusste zu vergessen.“

Die Briefe werden inhaltsschwerer, trauriger, erwachsener, voller Fragen. Weder die Mutter noch Freud können diese Fragen beantworten, aber Freud gibt seinem jungen Freund einen wichtigen Satz an die Hand: „Nur mit viel Mut und Beharrlichkeit oder Dummheit oder am besten mit allem zusammen kann man hier und da selber ein Zeichen setzen.“ Fazit: Absolut lesenswert!

„Der leuchtend blaue Faden“, von Anne Tyler

Empfehlenswert oder nicht? Ich war sehr gespannt auf den neuesten 51bcbo+m8GL._SX304_BO1,204,203,200_Roman von Anne Tyler – Tyler wird seit Jahren von den Medien hoch gelobt und ist Trägerin verschiedener Preise. Auch ich schätze ihre unvergleichliche Beobachtungsgabe, den leichten, eleganten Schreibstil und ihre wunderbar gezeichneten Charaktere. „Der leuchtend blaue Faden“, lässt mich jedoch ein wenig unentschieden zurück.

Nicht, dass ich es nicht gerne gelesen hätte! Tyler erzählt die Geschichte der Familie Whitshanks. Im Zentrum steht das Ehepaar Abby und Red, das langsam in die Jahre kommt. Ihre vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne, haben inzwischen selber Kinder. Sohn Denny hat die Rolle des Schwarzen Schafs, mit ihm beginnt und endet die Geschichte. In einem langen Rückblick geht es um die Großeltern, Junior und Linnie Mae, die Eltern von Red. Junior hat das Haus der Familie gebaut, das Haus in der Bouton Road, das in der Geschichte eine tragende Rolle spielt.

Eine Handlung im eigentlichen Sinne gibt es nicht, Tyler webt aus vielen einzelnen Episoden die Geschichte einer Familie über drei Generationen. Das ist komisch, witzig, anrührend, traurig – und es sind oft Situationen, die einem bekannt vorkommen. Alles wie immer von Tyler grandios beobachtet und zu Papier gebracht. Aber dennoch fehlt etwas, das Bild rundet sich dieses Mal nicht wie gewohnt, und die Charaktere sind bei weitem nicht so markant wie sonst. So bleibt es bei einem zwiespältigen Gefühl bei mir. Wer Anne Tyler in Hochform erleben will, sollte lieber „Die Reisen des Mr. Leary“ lesen, um nur eines von ihren wirklich faszinierenden Büchern zu nennen.